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                    Grenzlandgrün            

niederrheinisch - nachhaltig   

Dienstag, 2. Oktober 2018

Globale Nachhaltigkeit:
Menschheit in Harmonie mit der Natur?
  

v.l.. Prof. Dr. Ingar Janzik, Dr. Ansgar Reichmann, Monika Deventer, Dr. Gabriele M. Knoll

„Eine Welt, in der die Menschheit in Harmonie mit der Natur lebt“ – So umschrieben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 ihre Vision für eine nachhaltige Entwicklung. Das Natürliche und Ökologische gilt gemeinhin als Basis für eine global gerechte Transformation unserer Welt. Wie widersprüchlich wir mit dieser Basis (nicht nur) am Niederrhein umgehen, zeigte die „VHS-Grenzlandgrün-Veranstaltung“ zum Nachhaltigkeitsziel Nr. 15 (Leben an Land). Obwohl es dabei um den globalen Schutz natürlicher Lebensgrundlagen geht, kommt der Begriff der Natur nicht vor. Vielmehr wollen die UN-Staaten „Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen.“ 

Wildnis oder Landschaft: Biodiversität aus Menschenhand 

„Nicht alles, was unter dem Begriff Naturschutz diskutiert wird, dient dem Erhalt der biologischen Vielfalt“, sagt der Biologe Dr. Ansgar Reichmann. Er ist wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der Biologischen Station Krickenbecker Seen. Dr. Reichmann forscht zu Flora und Fauna, ist zuständig für die Betreuung und Pflege der regionalen Naturschutzgebiete und gilt in Sachen Natur- und Landschaftsschutz als Schaltstelle zwischen Öffentlichkeit, Verwaltungen und Verbänden. Die als besonders reizvoll geltenden Landschaften im Grenzland sind Produkt geologischer Verwerfungen, menschlichen Raubbaus, einer industrialisierten Landwirtschaft oder des Kalten Krieges. Sie dienen vielen selten gewordenen Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum und spielen im europäischen Biotopverbund eine wichtige Rolle. Derartige Landschaften als Nationalpark auszuweisen mache wenig Sinn. Reichmann: „Das Konzept des Nationalparks stammt aus den USA. Dort gibt es viel mehr von menschlichen Eingriffen freie Wildnisgebiete als hierzulande. Wer Kulturlandschaften zum Nationalpark macht, fördert das Aussterben der Arten, die auf offene Landschaften angewiesen sind.“ Ein Beispiel ist der immer seltener werdende Ziegenmelker. Der zur Familie der Nachtschwalben gehörende Vogel brütet in Bracht und in der Senne, denn er benötigt Heidelandschaften

Die Vielfalt der Lebensräume sind neben der Vielfalt zwischen und innerhalb der Tier- und Pflanzenarten Hauptaspekte der Biodiversität. Sie wird geschützt.

·         um ihrer Selbst willen (Schönheit und Eigenart)

·         aus ökonomischen Gründen (Nahrungsmittel, Rohstoffe, Erholung, Tourismus)

·         wegen der Säuberungsfunktionen (Luft, Wasser, Speicherung von Kohlendioxid)

·         wegen der Dienste für die Landwirtschaft (Bodenverbesserung, Bestäubung,          biologische Schädlingsbekämpfung

·         als Forschungsarchiv (Arzneimittel, Bereich der Bionik

Von allem zu viel: Giftige Stickstoffüberschüsse

Ein Problem für die Biodiversität im Grenzland ist der Stickstoffüberschuss aus der Landwirtschaft. Dr. Reichmann: „Bis 1850 betrugen die Emissionen nicht mehr als zwei Kilogramm pro Hektar, heute sind es 40 Kilogramm. Mittlerweile leiden Drei Viertel der mitteleuropäischen Pflanzenarten im Konkurrenzkampf gegenüber den Stickstoff-Arten. Und die wachsen höher und dichter als früher und werden immer anfälliger.“ Welche Auswirkungen das Übermaß an Stickstoff auf empfindliche Ökosysteme hat, ist beim Umweltbundesamt nachzulesen. Stickstoff in schädlichen Verbindungen gehört mittlerweile zu den größten Umweltbedrohungen unserer Erde. Jeder Mensch kann etwas dagegen tun: den politischen Druck für eine Agrarwende erhöhen, weniger Fleisch essen, weniger Lebensmittel wegwerfen und keinen Diesel fahren.

Von allem zu viel: Mensch, Tourismus und Freizeitwirtschaft

Auch der zunehmende Tourismus und die damit verbundene Infrastruktur erhöhen den Druck auf die biologische Vielfalt. Zertifizierte und rollstuhlgerechte Wanderwege im Naturpark Schwalm-Nette haben soziale und wirtschaftliche Funktionen, die nicht unbedingt im Einklang mit einem guten Leben für Tiere und Pflanzen stehen. Auch global sind die Auswirkungen erheblich: Etwa 8 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen entfallen auf den Tourismus.

Dr. Gabriele M. Knoll ist Geographin, Kunsthistorikerin und Autorin zahlreicher Bücher und Artikel zum Themenfeld 'Reisen'. Seit 2011 arbeitet sie an der Hochschule Rhein-Waal als Dozentin im Bereich 'Nachhaltiger Tourismus'. Seit 2016 ist zudem an den Fresenius-Hochschulen in Köln und Düsseldorf tätig. Ihre Analyse fällt zwiespältig aus: „Im Grunde begannen die Probleme mit dem Menschen und dem Kapitel 1 des ersten Mosebuchs des Alten Testaments „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ Allen christlichen Interpretationen rund um den Schöpfungsbegriff zum Trotz: Dieses Bibelwort gilt immer noch als eine mentale Voraussetzung für unser widersprüchliches Verhältnis zur Natur. Am Beispiel von Barockgärten macht Dr. Knoll es deutlich. „Hier wird Natur architektonisch zugerichtet – 'grüne Lutscher' statt Bäume in ihren natürliche Formen. Diese Gärten sind nicht dazu gedacht, sich mit Pflanzenleben auseinander zu setzen. Sie dienen der Betrachtung aus der bel etage eines Schlosses.“

Heute sind Barockgärten eine touristische Attraktion. Offenbar faszinieren ihre künstliche Ordnung, ihre Regelmäßigkeit und Symmetrie als Ausdruck der Macht des Menschen über die natürliche Wildnis.

Für besonders naturfeindlich hält Dr. Knoll den Wintersport. Skigebiete beschädigen die natürlichen Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Die Erderhitzung treibt die Schneefallgrenzen in immer größere Höhen. Ökologisch problematische Beschneiungsanlagen müssen für Schneesicherheit sorgen, um den wirtschaftlich profitablen Betrieb von Skigebieten zu gewährleisten.

Es ist kein Zufall, dass erste Konzepte eines sanften Tourismus in den Alpenländern entstanden. Dort beeinträchtigten die durch den Fremdenverkehr ausgelösten ökologischen und sozialen Fehlentwicklungen direkt die Qualität des Tourismusangebots. Wirtschaftlich erfolgreicher Tourismus braucht nun mal eine gute Qualität seiner Ressourcen, die sich aus natürlichen Gegebenheiten und kulturellen Errungenschaften zusammensetzen.

Carlowitz und der Fremdenverkehr 

Hans Carl von Carlowitz

Diese Erkenntnis über den Systemzusammenhang von Natur, Wirtschaft und Sozialem macht den Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz  zu einer historischen Schlüsselfigur auch für den zukünftigen Tourismus. In seinem 1713 erschienenen Werk „Sylvicultura oeconimica“ fasste er das forstwirtschaftliche Wissen seiner Zeit zusammen und formulierte vor dem Hintergrund der Holznot erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit, so pfleglich mit einem Rohstoff umzugehen, dass nicht mehr entnommen und verbraucht wird als wieder nachwachsen kann. Auf den Tourismus übertragen bedeutet dies, dass alle gegenwärtigen und zukünftig möglichen Auswirkungen des Reisens auf die Natur, die Bevölkerung und die örtliche Wirtschaft berücksichtigt und alle Bedürfnisse in ein Konzept integriert werden.

Dr. Knoll nennt als Beispiel den in den 1990er Jahren entwickelten Ökotourismus in tropische Naturschutzgebiete.  Er soll der Finanzierung des Naturschutzes und der regionalen Wirtschaft dienen. Doch so lange die Treibhausgasemissionen der Flugzeuge technisch oder zumindest finanziell nicht ausgeglichen werden, schaden auch diese ökotouristischen Aktivitäten dem Klima. 

Noch gibt es keinen zukunftsfähigen Tourismus, der im Gleichgewicht zwischen Wirtschaft, Gesellschaften, Natur und Kultur agiert. Aber das Konzept der nachhaltigen Entwicklung stellt grundlegende Prinzipien für praktische Ansätze zur Verfügung. Dr. Knoll empfiehlt zur Vertiefung das von Hartmut Rein und Wolfgang Strasdas herausgegebene Lehrbuch zum nachhaltigen Tourismus.

Neuer Player in Sachen „Weltrettung“ und Biodiversität: Bioökonomie

Sie gilt als Zukunftskonzept für eine Wirtschaft, die nicht auf fossile Rohstoffe zurückgreift. Global, europäisch, national und regional fließen Steuermittel in Milliardenhöhe in entsprechende Forschungsprojekte. Es gibt politische Strategien zum Thema Bioökonomie. Das niederrheinische Grenzland diesseits und jenseits der deutsch/niederländischen Grenze gilt als ein regionaler Hotspot zu deren Umsetzung. „VHS-Grenzlandgrün“ hat sich daher bereits in zwei Veranstaltungen (siehe hier und hier) mit dem Thema auseinander gesetzt. Der Europäische Gerichtshof hat im Juli 2018 ein umstrittenes und unter dem Stichwort „Genschere“ diskutiertes Grundsatzurteil zu den durch die neuen in-vitro Mutagenese-Verfahren gewonnenen Organismen gefällt. Gleichwohl findet die Diskussion um die „neue Biologie“ weitgehend in exklusiven Fachkreisen statt.

Dabei geht es um neue Lösungen für globale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Sicherung der Ernährung für 9,8 Milliarden Menschen im Jahre 2050 unter den Bedingungen des Klimawandels, Sicherung der knapper werdenden Frischwasserkapazitäten, Ersatz der fossilen Rohstoffe durch biologische. Das ist der Anspruch von Prof. Dr. Ingar Janzik. Sie ist Biologin, arbeitet am Institut für Pflanzenwissenschaften des Forschungszentrums Jülich, ist Professorin für grüne Biotechnologie an der FH und koordiniert den Bereich Education am Bioeconomy Science Center, dem 2010 gegründeten Forschungs- und Ausbildungsverbund für eine nachhaltige Bioökonomie in Nordrhein-Westfalen. Seit 2013 wird er als NRW-Strategieprojekt mit mehr als 58 Millionen Euro gefördert

Die UN-Agenda 2030 für eine global nachhaltige Entwicklung ist Janziks Leitbild, denn eine nachhaltige Bioökonomie könne zum Erreichen dieser Ziele beitragen. Dr. Janzik: „Die Bioökonomie umfasst alle wirtschaftlichen Sektoren, die die Produktion, Verarbeitung und Nutzung von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen zum Ziel haben. Sie trägt zur Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln bei, stellt Biomasse als Rohstoff zur Verfügung und produziert biobasierte Materialien und Chemikalien und Bioenergie. Die Bioökonomie ist wissensbasiert. Sie nutzt das Wissen über biologische Ressourcen und Prozesse und ist interdisziplinär ausgelegt.“ Das Science Center beschäftigt sich mit pflanzlicher Produktion und Verfahrenstechnik, mit Bioinformatik und Strukturbiologie, mit Wissenmanagement und Systems Engineering, mit mikrobieller und molekularer Stoffumwandlung und deren gesellschaftlichen und ökonomischen Implikationen. Professor. Dr. Janzik stellt ein Projekt der RWTH Aachen vor, das den sparsamen und gezielten Einsatz von Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln durch Verankerung von Nanogel-Depots auf Blattoberflächen vor. Ein Projekt der Uni Bonn versucht durch den Einsatz spezieller Enzyme und Mikroorganismen Phosphat aus Zuckerrüben zu recyceln und wieder zu verwerten oder daraus neue Phytasen zu entwickeln. In Aachen geht es bei einem Projekt zu Biomassepflanzen um die Kombination von mehrjährigen Pflanzen auf marginalen Böden, um aus der Lignocellulose neue Rohstoffe zu gewinnen.

In der noch spärlichen öffentlichen Diskussion um Bioökonomie geht es meist um Fragen rund um die Gen- und Nanotechnologie oder um die Ökonomisierung der Natur. Auch das Argument, dass es sinnvoller sei, das Bevölkerungswachstum einzudämmen als an Hightec-Ernährung zu forschen, ist öfter zu hören. Ebenso die These, dass Permakultur, Waldwirtschaft und dezentrale Landwirtschaft in der Lage seien, 10 Milliarden Menschen zu ernähren.

Das UN-Ziel „Leben an Land“ schließt diese neuen, für die meisten undurchschaubaren Naturnutzungen und deren ungewisse Auswirkungen mit ein. Das Unterziel 15.6 fordert, die "ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile und den angemessenen Zugang zu diesen Ressourcen [zu] fördern, wie auf internationaler Ebene vereinbart."

Es geht beim „Leben an Land“ auch um den ungleichen ökonomischen Wettbewerb um die biologischen Ressourcen des globalen Südens. Diese Anforderungen und mögliche Auswirkungen der Bioökonomie hatten die Naturschützer der ersten Stunde bestimmt noch nicht im Blick.

Naturschutz und das „Leben an Land“

Monika Deventer ist Dipl. Ing für Landespflege und arbeitet hauptberuflich im behördlichen Naturschutz. Sie eröffnete den VHS-Grenzlandgrün-Abend mit der grundlegenden Frage „Was ist Natur – was ist Naturschutz?“

Als Gegenbegriff zu Kultur und Technik galt Natur mal als das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Monika Deventer: „Natur umfasst in diesem Sinne den gesamten Kosmos mit seiner Materie und seinen Kräften, Veränderungen und Gesetzlichkeiten.“ Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts bewegte sich die europäische Naturforschung im Spannungsfeld zwischen antiken und biblischen Autoritäten und eigenen empirischen Untersuchungen. Erst die von Johannes Gutenberg entwickelte Technik des maschinellen Buchdrucks sorgte für eine weitere Verbreitung und intensivere Diskussion naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Ohne den Buchdruck hätten es die bahnbrechenden physikalischen Forschungen eines Isaac Newton, oder James Watt oder die universalistischen Naturbeobachtungen Goethes oder Alexander von Humboldts nicht zu der notwendigen Popularität gebracht.

Theoretische Vorarbeit für den aktuellen Naturschutz leisteten Albrecht Daniel Thaer oder Leopold Philipp Martin und Ernst Rudorff. Der eine begründete mit seinem vierbändigen zwischen 1809 und 1812 erschienen Standardwerk „Grundsätze der rationellen Landwirthschaft“ die moderne Agrarwirtschaft. Die anderen gelten als frühe Vordenker des Naturschutzes. Sie animierten mit ihren Schriften Politiker und Beamte wie Wilhelm Wetekamp und Hugo Wilhelm Conwentz zum praktischen Einsatz . Wegbereiter für den heutigen Natur- und Artenschutz waren die „Deutsche Vogelmutter“ Lina Hähnle und der Schriftsteller und Naturforscher Hermann Löns.

Ernst Rudorff schuf mit seinen antisemitischen Tiraden zudem eine Basis für den völkisch-rassistischen Natur- und Heimatschutz in der Zeit des Nationalsozialismus. Als erstes deutsches Naturschutzgebiet gilt der Teil des Drachenfelses, den die preußische Regierung erworben hatte, um einen weiteren Abbau des Berges zu verhindern. Er wurde 1922 formal unter Schutz gestellt. 1929 wurde der 2,6 Hektar umfassende Flachmoorsumpf „Mörken“ bei St. Hubert als erstes Naturschutzgebiet im heutigen Kreis Viersen ausgewiesen.

Als weitere Meilensteine des Natur- und Landschaftsschutzes sieht Deventer die Grüne Charta von der Mainau von 1961 und das erste Umweltprogramm der Bundesrepublik von 1971, mit dem eine systematisierte an Vorsorge und Nachhaltigkeit orientierte Umweltpolitik begann und sich die FDP unter Hans-Dietrich Genscher als Vorreiter für den internationalen Natur- und Umweltschutz profilieren konnte.

Heute ist der Naturbegriff schwammig. Es gibt Naturkosmetik, ein Stück Natur fürs Handgelenk und manche behaupten, dass Landwirtschaft für ein Ende der Natur sorge oder die Jagd uns dabei helfe, die Natur wieder ursprünglich werden zu lassen.

Von der Natur zum Ökosystem

Natur war und ist auch Gefahr und Bedrohung. Natur kann Angst machen. In der Romantik galt das Natürliche in Verbindung mit einer gesteigerten Hinwendung zu Gefühlen und Innerlichkeit als eine Gegenbewegung zu Industrialisierung und rationaler Wissenschaft. Philosophen diskutieren bis heute, ob der Mensch über oder neben der Natur steht oder ob er Teil der Natur ist. Artenvielfalt und Klima hätten vor zwei Jahrhunderten als Teil der Natur gegolten. Heute wissen wir: Der Mensch beeinflusst auch diese Phänomene. Wenn wir im Alltag über Umwelt sprechen geraten die Begriffe Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Materie und Geist, schon mal durcheinander. Statt von der Natur sprechen Wissenschaftler heute eher von Ökosystemen und Biodiversität.

Biologische Vielfalt ist nicht nur ein Kennzeichen von tropischen Regenwäldern oder von Korallenriffen. Sie existiert auch in der heimischen Umwelt. Mit Biodiversität ist Vielfalt der Arten, der Lebensräume und Ökosysteme sowie der genetischen Varianten innerhalb einer Art gemeint. 168 Staaten haben sich bei der großen Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung ein Übereinkommen geschlossen, um Biodiversität global zu schützen. Es gab danach 13 Vertragsstaatenkonferenzen mit Hunderten von Beschlüssen. Diese zeigten auch wie groß der ökologische Handlungsdruck und Forschungsbedarf zu diesem Thema ist. Die Die UN hat daher dieses Jahrzehnt zur Dekade der Biodiversität erklärt.

In Deutschland wurde 2007 die Nationale Biodiversitätsstrategie beschlossen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesamts für Naturschutz koordinieren deren Umsetzung. Das damals erklärte Ziel, den Rückgang biologischer Vielfalt bis 2010 aufzuhalten und danach umzukehren, wurde bald auf 2020 verschoben. Über 400 Einzelmaßnahmen sollen die Umsetzung garantieren. Die Frage bleibt, was die Natur davon hat.  Der Blick auf Zahlen und Statistiken zum Zustand heimischer Ökosysteme ist ernüchternd. Über 70% der ökologischen Lebensräume gelten als gefährdet und bedrohen die Überlebensfähigkeit der Tiere und Pflanzen. Zwischen 1998 und 2009 verschwanden 75% der Fluginsekten und die Zahl der Vogelbrutpaare sank um 15 %.

Wer Biodiversität erhalten will, muss die Bedürfnisse der Tiere und Pflanzen genau kennen und zielgenaue Konzepte entwickeln, die das Gesamtsystem nicht beeinträchtigen. Grünbrücken oder Biotopverbünde sollen die vom Menschen gemachten Refugien für Tiere und Pflanzen erhalten.

Das Bundesnaturschutzgesetz fordert schlicht: „Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich (...) so zu schützen, dass die biologische Vielfalt, die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts einschließlich der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit der Naturgüter sowie die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert sind; der Schutz umfasst auch die Pflege, die Entwicklung und, soweit erforderlich, die Wiederherstellung von Natur und Landschaft .“

Der wirtschaftliche Druck auf Natur und Landschaft -  auf funktionierende Ökosysteme -  ist groß. Politiker und Investoren rufen nach Flächen. Sie wollen Siedlungen, Gewerbegebiete oder Umgehungsstraßen planen. Der Kampf um die letzten Vielfaltsrefugien ist mühsam. FFH, Natura 2000, Naturschutz, Vogelschutz- und Landschaftschutzgebiete, Nationalparks, Biosphärenreservate oder Naturparks. Es gibt eine Vielzahl von Etiketten. Doch sie schützen nicht unbedingt vor wirtschaftlichen Interessen. 

Unbestimmte Floskeln wie „gute fachliche Praxis“ oder „gleichwertige Abwägung der Belange“ legitimieren Eingriffe in Natur und Landschaft, die zum Verlust von Artenvielfalt führen können. Der Streit um Windenergie zeigt: Es gibt auch Interessenkollisionen zwischen Umwelt- und Naturschutz. Zu viele Politiker betrachten Naturschutz immer noch als kosmetisches Randthema.  Viele Naturnutzer genießen ihr Image als Zukunftsinvestoren.

Ob bei Forschung oder bei konkreten Maßnahmen – in den öffentlichen Haushalten wird das Thema biologische Vielfalt politisch vernachlässigt. Ganz deutlich zeigt sich die mangelnde Wertschätzung der Natur in der Agrarpolitik. Gut 50 % des Bundesgebiets und knapp 53 % des Kreisgebiets werden landwirtschaftlich genutzt. Die vielen Tausend Pflanzen- und Tierarten in der Agrarlandschaft sind ursprüngliche Steppenbewohner. Sie wurden über lange Zeit von den Bauern bekämpft. Erst seit dem 20 Jahrhundert stehen Flurbereinigung, Kunstdünger, Pestizide, Stickstoffe und effiziente Maschinen einerseits für unsere Versorgung mit Lebensmitteln und andererseits für den massiven Verlust von Habitaten für Insekten, Amphibien und bodenbrütende Vögel.

Der Kreis Viersen im niederrheinischen Grenzland ist grün und ländlich. 8743 Naturschutzgebiete gibt es Deutschland. Allein 38 davon im Kreis Viersen. Sie nehmen 3,9 Prozent des Bundesgebiets und knapp 9,2 % des Kreisgebiets ein. Wer Arten erhalten will, muss sie kennen, doch eine Arten bestimmende Biologie gilt als antiquiert. Molekulargenetik ist angesagt. Die Zahl der touristisch und molekulargenetisch orientierten „Naturliebhaber“ steigt, während die sachkundigen Botaniker,  Pilz- oder Insektenkundler vom Aussterben bedroht sind.

Der 2011 verstorbene Theologe und Biologe Günter Altner nannte 1991 sein Buch zu den philosophischen Grundlagen der Bioethik „Naturvergessenheit“. Manche Wissenschaftler meinen, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem wir Menschen zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf die natürliche Prozesse dieser Erde geworden sind. Sie bezeichnen die derzeitige erdgeschichtliche Phase als Anthropozän, als ein geologisches Zeitalter des Menschen.

Das „Leben an Land“ ist von uns Menschen gemacht. Die Frage ist aber noch offen, ob die Zukunft des Planeten in unserer Hand liegt oder ob die auf dem Planeten herrschenden Naturgesetze über die Zukunft der Menschheit entscheiden werden.