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                    Grenzlandgrün            

niederrheinisch - nachhaltig   

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Bioökonomie – Mit Pflanzen die Welt retten?

v.l. Dr. Peter Welters, Alfons Kuhles, Onno Rudolf Jongkind

Mein Mann und ich wollen uns noch einmal ganz herzlich für die sehr interessante Veranstaltung gestern Abend im Käffchen bedanken, die Sie initiiert haben. Mit den drei Vortragenden haben Sie innovative Menschen aus der Region zu Wort kommen lassen. Für mich hat das Wort 'Bioökonomie' jetzt eine andere Dimension als vorher...“ 

Die Mail einer Teilnehmerin an den VHS-Grenzlandgrün-Moderator Manfred Böttcher drückt das aus, was wohl etliche Gäste der Veranstaltung „Bioökonomie – Was geschieht in der Region?“ empfunden haben.

Denn „CLIB 2021“-Vorstandsmitglied und Chef der Nettetaler Phytowelt Green-Technologies GmbH  Dr. Peter Welters, Onno Rudolf Jongkind, Geschäftsführer der Dülkener OPW Ingredients und Alfons Kuhles, Gründer und CEO der Ratinger Grenol GmbH hatten die nicht einfache Aufgabe übernommen,  unter dem Leitbild „Den Pflanzen gehört die Zukunft“  interessierte Erwachsene in  biochemisches, ökonomisches und technologisches Neuland einzuführen. Sie stellten mit ihren Unternehmen drei bioökonomische Handlungsfelder zur Diskussion: Forschung und Entwicklung, Energie und Ernährung.

Der Begriff Bioökonomie ist schillernd. Ursprünglich stammt er aus der seit den 1970er-Jahren geführten Diskussion um die Grenzen des Wachstums und hatte eher programmatischen Charakter. Auch die seit Jahrhunderten bekannte kommerzielle Nutzung des Wechselspiels aus Pflanzen und Mikroorganismen beim Bier brauen, in der Käseherstellung oder beim Brotbacken wird häufiger zur Bioökonomie gezählt. Seit den 1990ern steht der Begriff eher für eine Erweiterung der biologischen Ressourcen durch Gentechnik und andere molekularbiologische Verfahren. Heute vermischen sich die Konnotationen. Dabei spielt auch „green washing“ eine Rolle. Auch bei der derzeit im deutsch-niederländischen Grenzland geführten Diskussion um Kreislaufwirtschaft, Cradle to Cradle und Agrobusiness spielt die moderne Verknüpfung von Biologie, Chemie, Informatik und dem Ingenieurswesen eine Rolle.  In der Biobased Industry (BBI) geht es letztendlich um das weitere Zusammenwachsen von Natur und Technik.

 

Dieser Prozess wird heute europäisch und regional mit viel Forschungsgeld gefördert. Denn mit ihm sind viele Hoffnungen und Chancen verknüpft: 

  • Von der  Erdölabhängigkeit loskommen,
  • den Klimawandel  ausbremsen,
  • die wachsende  Erdbevölkerung gesund ernähren
  • eine  Kreislaufwirtschaft etablieren
  •  “mehr mit weniger erzielen”…

Letztendlich geht es um die Ablösung eines auf Ausbeutung, Verbrauch und Zerstörung beruhenden Wirtschaftssystems. Spätestens seit dem auf der UN-Konferenz Rio +20 beschlossenen “Global Green New Deal” und den Ende 2015 verabschiedeten Weltnachhaltigkeitszielen (Sustainable development goals) gilt Bioökonomie als Wirtschaftsform mit großer Zukunft.  Aber es mehren sich auch die kritischen Stimmen: Flächenfraß, Raubbau an der Natur, unkontrollierbare Freisetzung neuer Organismen, gentechnischer Etikettenschwindel sind dazu nur einige Stichworte. 

In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die meisten Projekte innerhalb des biotechnologischen Clusters “CLIB 2021”, das Dr. Peter Welters am Grenzlandgrün-Abend vorstellte.  Es besteht seit 2007, hat derzeit 100 Mitglieder aus den Bereichen Chemie, Energie, Agrar-, Papier- und Lebensmittelwirtschaft oder Anlagenbau mit einem Jahresgesamtumsatz von ca. 70 Milliarden Euro. Eine aktuelle Mitgliederliste mit Firmenlinks finden Sie hier.
Mit den  biologischen Reststoffpotenzialen der Lebensmittelindustrie im Rheinland beschäftigt sich das Regionale Informationsnetzwerk Stoffströme (RIN) Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft und der NRW-Energieagentur will CLIB 2021 mit dem RIN das Rheinland zu einer Modellregion für eine innovative und nachhaltige Stoffstromnutzung entwickeln. Mit dem BIG-C hat CLIB 2021 ein „Bio-Innovation Growth Mega Cluster“ zwischen Flandern, Niederlande und NRW initiiert. Es entwickelt bio-basierte Wirtschaftskonzepte, die zwischen 2018 und 2020 zur Umsetzung kommen sollen. Dabei spielen biotechnologische Konzepte für neue funktionale Inhaltsstoffe in den Bereichen Chemie, Nahrungs- und Futtermittel oder in der pharmazeutischen Industrie eine wichtige Rolle. Damit befasst sich das vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW geförderte Projekt HiPerIn (High Performance Ingredients).

Phytowelt Green technologies betreibt in Nettetal-Dyck und in Kölner Laboren hauptsächlich biotechnologische Auftragsforschung. Phytowelt ging aus Greentec hervor, einem ursprünglich am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung angesiedelten Unternehmen. Zwei Grundfragen beschäftigen die „phytowelt“: Wie lassen sich die Grenzen herkömmlicher Pflanzenzüchtung überwinden? Wie können chemische Produktionsverfahren durch Pflanzenenzyme optimiert oder ersetzt werden? Dr. Peter Welters ist überzeugt: „Pflanzen sind die besten Chemiker.“ Arbeitsschwerpunkte sind z.B. doppelhabloide Pflanzen oder die somatische Hybridisierung durch Protoplastenfusion.  Ein Ergebnis: die 2012 als „Innovation pro Energiewende“ ausgezeichnete Hybridpappel. Für  2017 kündigt Dr. Peter Welters die Markteinführung eines aus natürlichen Rohstoffen gewonnenen Himbeeraromas ohne Himbeeren und ohne störende Geruchsunternoten an. Auch darauf hat Phytowelt ein Patent.

Andere Patente wie die Hydrothermale Karbonisierung (HTC) und Vapothermale Karbonisierung (VTC)  zielen darauf aus Abfall Energie zu machen. Aber das nicht wie die Natur innerhalb von Millionen Jahre sondern in ca. sechs Stunden, wie Alfons Kuhles erläuterte. Seit 2007 hat er sich mit seinem Ratinger Unternehmen Grenol der Konversion von Biomasse zu Biokohle verschrieben. Sein HTC/VTC-Reaktor in Kalkar verarbeitet pro Tag 10 Tonnen Biomasse zu 1 – 2 Tonnen Kohle. Und die kann lange gelagert, gut transportiert und  mit  einem Holz/Kohle-Vergaser und einem Blockheizkraftwerk effizient in Strom und Wärme verwandelt werden. Das druckärmere VTC-Verfahren eignet sich besonders für Essenreste. Kuhles: „Die Grenol-HTC/VTC-Technologien sind neue und alternative Verfahren, um organische Abfälle auf umweltfreundliche und wirtschaftliche Art und Weise zu verarbeiten und den Nähr- und Kohlenstoffkreislauf der Abfallwirtschaft zu schließen.“

Das Dülkener (ab 2017 Niederkrüchtener) Unternehmen OPW Ingredients steht für einen qualitäts- und gesundheitsorientierten bioökonomischen Fokus, wie Geschäftsführer Onno Rudolf Jongkind erläuterte: „Wir verarbeiten hochwertige pflanzliche Öle, Fette, Mehle und Proteine und handeln mit ihnen. Wir verfügen über BIO-Zertifikate für fast alle Produktgruppen und verzichten auf Sojaprodukte und gentechnisch veränderte Organismen.“ Das OPW-Spektrum reicht von veganen Superfoods über Kosmetikprodukte und pflanzlichen Industrieölen bis hin zum Molkepulver für den Muskelaufbau. Im Trend liegen derzeit  Hanföl und –protein und Produkte, die zum „healthy lifestyle“ passen. Auch als Kunststoffersatz können Raps- und Rizinusöle dienen, wie Jongkind am Beispiel des Purline Bioboden von Wineo zeigte.

Bioökonomie im Grenzland“ – Die Veranstaltungüberschrift war nicht nur regional gemeint. Denn die drei Beispiele zeigten: In der Bioökonomie überschreiten Nachhaltigkeitsdenken, Naturbewertungen und Hightech bisher bekannte und bestehende Grenzen. Wirtschaftsbranchen, die ihre Produkte aus Pflanzen, Mikroorganismen und Algen herstellen, werden vielfältiger und effizienter.

Aber schon die Diskussionen um gentechnisch veränderte Organismen, um Lebensmittelspekulationen, Landgrabbing,  „Tank oder Teller“ oder um  die Biospritlüge der vergangenen Jahre zeigen: Bioökonomie hat  Nebenwirkungen. Um deren Analyse und Bewertung geht es in einer „VHS-Grenzlandgrün-Veranstaltung“ am 16. November mit der ZEIT-Reporterin und Buchautorin Christiane Grefe. Ihr jüngstes Buch: „Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?“