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                    Grenzlandgrün            

niederrheinisch - nachhaltig   


Donnerstag, 6. Oktober 2016

SOLAWI, Permakultur & Co – Auf dem Weg zur Agrarwende?    

Die Anwesenden der „VHS-Grenzlandgrün-Veranstaltung“ im Viersener Käffchen waren sich einig: Mit der Landwirtschaft kann’s so nicht weitergehen, wenn’s so weiter geht. Einer exportorientierten Agrarindustrie, die dem Leitbild „Wachse oder weiche“ und „Digitalisiere oder weiche“ folgt, gaben sie keine großen Zukunftschancen mehr. „Sie ist nicht enkelfest“ so Marion Grande von der neu gegründeten Solidarischen Landwirtschaft (SOLAWI) in Schwalmtal-Eicken. Die Verbraucherzentrale NRW hat die Initiative, die im kommenden Jahr auf dem Feld des Schwalmtaler Landwirten Willi Faßbender mit dem Gemüseanbau beginnt,  bereits in ihrer „MehrWert NRW“-Reihe porträtiert. SOLAWI-West ist eine der rund 100 SOLAWI-Initiativen in Gründung. Aktuell gibt es bereits weitere 100 SOLAWI-Höfe in Deutschland. Die Gemüseabokisten sind vielen Schwalmtalern bekannt. Marion Grande: „Der Unterschied zwischen SOLAWI und Abokiste besteht darin, dass wir die Landwirtschaft und nicht das Produkt finanzieren. Wir bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, in der sich alle die Ernte, das Risiko und die Kosten teilen. Der Landwirt kann sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren, nämlich Nahrungsmittel in guter Qualität anzubauen, anstatt ständig um seine Existenz zu kämpfen.“ Derzeit ist eine Kerngruppe von 12 Leuten an der Organisation der SOLAWI-West beteiligt. Eine erste Informationsveranstaltung soll am 4. November in Mönchengladbach stattfinden.

Diese Initiative entspricht den Vorstellungen von Dr. Ophelia Nick. Angetan ist sie auch von den Aktivitäten des Kölner Ernährungsrats, den der Filmemacher Valentin Thurn ("Taste the waste", "10 Milliarden") initiiert hat. Die Tierärztin und grüne Agrarexpertin aus dem nordrhein-westfälischen Landesvorstand macht sich stark für eine Agrarwende, an der Verbraucherinnen und Verbraucher, Bäuerinnen und Bauern, Handel und Verarbeitung, Politik und Wissenschaft gemeinsam beteiligt sind. Eine nachhaltige Landwirtschaft habe mehr Funktionen als nur die effiziente Nahrungsmittelproduktion. Sie böte den Bäuerinnen und Bauern eine wirtschaftliche Perspektive und fördere die Artenvielfalt, den Klimaschutz, das Tierwohl und den Schutz von Boden und Wasser.

Die Verwerfungen des derzeitigen landwirtschaftlichen Mainstreams seien immens: Artensterben, Tierleid, multiresistente Keime (methicillinresistente Staphylococcus aureus - MRSA), klimaschädliche Gase, durch Stickstoff und Phosphat verunreinigte Gewässer, sinkende Bodenfruchtbarkeit durch Humusverlust und Bodenverdichtung. „40% der NRW-Gewässer haben zu hohe Nitratwerte, 10.000 verschiedene Pestizide gelangen ins Wasser.“ Dr. Ophelia Nick fordert daher eine Pestizidreduktionsstrategie, setzt sich ein für eine ausgeglichene „Hoftorbilanz“ bei Düngemitteln und eine damit zusammenhängende flächengebundene Tierhaltung. Wichtig sind ihr eine ökologische Ausrichtung der EU-Agrarsubventionen, ein entsprechender landwirtschaftlicher Ordnungsrahmen und ein transparentes Kennzeichnungssystem für landwirtschaftliche Produkte. Vorbild: die derzeitigen Eierkennziffern. Ihren Leitstern einer Tierschutzhalteverordnung zeigt der Film „Happy Pigs“, der im Salzburger Pinzgau beim Teglbauern-Hof in Uttendorf aufgenommen wurde. Zur dazu notwendigen Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik haben die grünen Agrarpolitiker Robert Habeck und Martin Häusling veröffentlicht.


Manche im Grenzlandgrün-Publikum forderten mehr politischen Rückhalt für eine tiefgreifende Agrarwende und eine Abkehr vom wachstumsbasierten neoliberalen Wirtschaftsmodell. Und da sind sie sich wohl mit vielen Menschen einig, die jüngst gegen TTIP/CETA demonstrierten oder sich der „Wir haben es satt“ – Bewegung angeschlossen haben. Die Ernährungsräte zeigen: Essen wird ein kommunalpolitisches Thema. Der Blog "Speiseräume" gibt eine Übersicht über aktuelle Diskussionen.
Auf die kleinen Veränderungen, die bei einem selbst anfangen, setzt Sabine Mund, die mit ihrer Familie in einem Waldgarten in Mönchengladbach-Hardt lebt und sich seit 2015 für das Konzept der Permakultur stark macht. Sein Begründer ist der kürzlich im Alter von 88 Jahren verstorbene Australier Bill Mollison. Seine gemeinsam mit David Holmgren Ende der 1970er Jahre entwickelten Ideen wurden 1981 mit dem Alternativen Nobelpreis für eine bessere Welt ausgezeichnet. Derzeit entdecken viele Transition-Town-Gruppen die großen Schnittmengen zwischen ihren Ideen und der Permakultur. Auch Kommunalverwaltungen sind für das multifunktionale Konzept offen. Bekanntestes Beispiel: Andernach: Die essbare Stadt oder auch die Berggartenoase an der VHS Mönchengladbach, die von der dortigen Transition-town-Gruppe bewirtschaftet wird. Selbst die Real-Supermarktskette hat über den Biogemüsegroßhändler „Lehmann natur“ Permakultur als Werbeagrument für ihre Kunden entdeckt. Ob Tante LeMI („Bei uns kommt nichts in die Tüte“), die Foodsharing-Initiative, Mein-Garten-Land in Schwalmtal oder der Josefsgarten in Viersen als Teil des Urban-Gardening-Netzwerks Urbane Oasen: Auch im Raum Mönchengladbach/Kreis Viersen wachsen alternative Ansätze heran, die im Sinne von „Transition Town“ und „Permakultur“ uralte Landnutzungsformen und Lebensweisen modern und „enkeltauglich“ interpretieren. Sabine Mund kündigte an, demnächst über die Linde 98 in Mönchengladbach mehr permakulturelle Austausch-, Vernetzungs- und Fortbildungsmöglichkeiten anzubieten.
„VHS-Grenzlandgrün“ - Moderator Manfred Böttcher: „Solche dezentralen Aktivitäten, gekoppelt mit wissenschaftlicher Forschung und politischen Initiativen sind das, woraus sich in der derzeitigen Umbruchsituation ein landwirtschaftlicher Paradigmenwechsel entwickeln könnte. Die Energiewende hat schließlich gezeigt: Strukturen, die gesellschaftlich unerwünscht und ökologisch schädlich sind, haben auf Dauer keine Überlebenschance.“