Grenzlandgrün            

niederrheinisch - nachhaltig   


Dienstag, 20. März 2018

Komplementär statt kompensatorisch“ – Zukunft und Heimat gestalten mit Stiftungen   

© Andreas Bach v.l. Armin Huber, Herbert Looschelders, Günter Neumann, Manfred Böttcher, Wolfgang Steinert
















Josefsgarten in Viersen, DORV-Laden in Boisheim, der Ausbau des Landschaftshofs Baerlo, die Ortsgeschichte oder das große Naturschutzgebiet in Bracht und und und... Ohne Zuschüsse der im Kreis Viersen aktiven Stiftungen sähe die Regionalentwicklung im Grenzland viel glanzloser aus. Bundesweit gibt es rund 22.000 rechtsfähige Stiftungen mit einem Vermögen von rund 67 Milliarden Euro. 95% der Stiftungen sind gemeinnützig. Sie wollen demokratische Kultur, gesellschaftliches Miteinander oder eine intakte Umwelt fördern. Transparent,  effektiv und selbstlos – so stellen sich die gemeinnützigen Stiftungen gern in der Öffentlichkeit dar.  Und das nicht nur aufgrund der gesellschaftlichen Rolle, die sie innehaben, sondern auch wegen der umfangreichen Steuervorteile, die die Gemeinnützigkeit mit sich bringt. Und dennoch gilt die „Stiftungsszene“ als ziemlich unübersichtlich. Es gibt kleine Stiftungen, die eher im Verborgenen wirken und große und bekannte Stiftungen  wie Warentest, Bertelsmann, Vodafone,  Volkswagen oder Allianz.  Auch wenn drei Viertel aller bestehenden Stiftungen in Deutschland auf Grund der gesetzlichen Regelungen erst nach 1990 gegründet wurden, blicken sie auf eine Jahrtausende alte Tradition zurück. Und viele Stiftungen suchen nach den Umwälzungen auf den Finanzmärkten der letzten zehn Jahre nach einem neuen Selbstverständnis als Themenanwälte, Innovationstreiber, Chancenbeförderer oder Wohltäter. Die meisten Stiftungen sind regional oder lokal aktiv. Die Organisationsformen sind vielfältig: BGB-Stiftungen, GmbHs und AG’s, Treuhandstifung, Bürgerstiftung, Unternehmensstiftungen, Trägerstiftungen für Altenheime, Museen oder Schulen, Stiftungen der öffentlichen Hand oder kirchliche Stiftungen, Familienstiftungen und seit 2013 so genannte Verbrauchsstiftungen, denen es nicht mehr um den Kapitalerhalt geht.

Grund genug für einen „VHS-Grenzlandgrün-Abend“ zur Rolle von Stiftungen für die nachhaltige Gestaltung des Grenzlands. Am Beispiel der NRW-Stiftung, der „H- Looschelders – Stiftung“ und der „BÜ.NE“ stellte der Abend drei unterschiedliche Facetten der bunten Stiftungswelt dar und informierte in Grundzügen über Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen der Stiftungsgründung.

Seit 1986: NRW Stiftung

1986 nahm der damalige Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau den 40. Geburtstag des Landes Nordrhein-Westfalen zum Anlass, nach dem Modell des National Trust eine Landesstiftung zur Förderung, zum Schutz und zur Pflege von Heimat, Kultur und Natur zu gründen. Sie sollte den Zusammenhalt und das ehrenamtliche Engagement in NRW fördern, indem sie die Schönheit, Vielfalt und Geschichte des Landes erfahrbar macht. Die Einnahmen der Stiftung generieren sich aus den Erträgen von Westlotto, aus Erbschaften, durch Firmenkooperationen und aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden aus dem eigenen Förderverein.

Seit 2008 verkörpert Armin Huber die mittlerweile unter dem Kurznamen NRW Stiftung bekannte Förderungsmöglichkeit im Raum Mönchengladbach, Krefeld, Kreis Viersen und Kreis Kleve. Offiziell nennt Huber sich Regionalbotschafter und setzt heute ehrenamtlich das fort, wofür er sich schon als Beamter der Düsseldorfer Bezirksregierung stark gemacht hat: Regionalentwicklung durch Natur- und Denkmalschutz, durch Heimatpflege, Integration und Inklusion. Er wirkt daran mit, dass die NRW-Stiftung Eigentümerin erhaltenswerter Grundstücke, Denkmäler oder Kulturgüter wird oder Maßnahmen zu deren Erhaltung und Sicherung finanziell unterstützt.

In enger Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden erwirbt die NRW-Stiftung Flächen zum Schutz seltener Tiere und Pflanzen. Dabei geht es der Stiftung nicht darum unzugängliche Naturschutzgebiete zu fördern. Im Mittelpunkt steht die Naturbeziehung der Menschen. 6,5 Millionen Euro investierte die Stiftung, um die außergewöhnliche Heidelandschaft des ehemaligen Munitionsdepots Brüggen-Bracht Schritt für Schritt zu sichern. 1050 Hektar, die über Jahrzehnte aus militärischen Gründen für die benachbarte Bevölkerung unzugänglich waren, können heute zu Fuß und per Rad erkundet werden. Die Stiftung hat landesweit 19 Gebäude und 100 Schutzgebiete in ihrem Besitz. Der Brachter Wald im niederrheinischen Grenzland ist das größte.

Mit 330.000 Euro förderte die NRW-Stiftung das von der Biologischen Station Krickenbecker Seen betriebene Info-Zentrum, ein beliebter Ort für naturkundliche Vorträge und Wechselausstellungen. Auch das benachbarte Textilmuseum „Die Scheune“, der NABU-Naturschutzhof im Nettetaler Sassenfeld oder der Landschaftshof Baerlo werden in ihrer Bildungsarbeit von der NRW-Stiftung unterstützt. 

Den Bildungsaspekt stellt die NRW-Stiftung auch in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten zum Denkmalschutz. Es geht ihr nicht nur darum Traditionen zu erhalten, sondern auch darum, aus der Vergangenheit, aus dem Leben und Arbeiten, aus dem Denken und Glauben unserer Vorfahren zu lernen. So ist die mittelalterliche Burgruine Uda in Grefrath-Oedt die einzige der 65 Burgen, Herrensitzen und Schlössern an der Niers, deren Geschichte und Archäologie mittlerweile vollständig dokumentiert ist.

Seit 2013 unterstützt die Stiftung zunehmend die Integration zugewanderter und die Inklusion gehandicapter Menschen. Gefördert wurden zum Beispiel interkulturelle Gärten das Haus der Polen in Bochum oder die Ausstellung „Geteilte Heimat - Paylaṣιlan Yurt“ Der barrierefreie Besuchersteg Baerlo schafft einen direkten Zugang zum Landschaftshof und ermöglicht es auch gehbehinderten Menschen, Flora und Fauna einer Feuchtwiese und eines offenen Gewässers zu beobachten.

Seit 2012: H. Looschelders Sozial- und Ökologiestiftung

„Die Welt hat genug für Jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für Jedermanns Gier“ – Dieser berühmte Satz Mahatma Gandhis aus dem Jahre 1946 ist das Lebens- und Stiftungsmotto von Herbert Looschelders, dem 60 jährigen Sozialarbeiter und Berufsbetreuer aus Kleve. „Nach einem schweren Verkehrsunfall stellte ich fest, dass das Leben endlich ist und mir viel von der Gesellschaft geschenkt wurde.“ Er wollte der Gesellschaft was zurückgeben und machte sich noch auf Krücken im Jahre 2012 auf den Weg zur Bezirksregierung Düsseldorf, um seine „H. Looschelders Sozial- und Ökologiestiftung“ ins Leben zu rufen. Das Stiftungsvermögen bestand aus einem Haus im Wert von 164.000 Euro, das er in einer Zwangsversteigerung erworben hatte. Es wird heute für eine Beratungsstelle genutzt, stellt einen Konferenzraum mit Küche zur Verfügung und wird an Studenten vermietet. Mieteinnahmen, Spenden, Zustiftungen und eine weitere Immobilie haben das Stiftungsvermögen mittlerweile verdoppelt und „wenn ich ohne größere Krankheiten normal sterbe, könnte es die Millionengrenze erreicht haben.“ Und dennoch bleibt genug, um mit der Stiftung in sozialen und ökologischen Fragen fortzubilden und zu beraten, benachteiligten Menschen soziale Teilhabe zu ermöglichen und internationale Initiativen zu unterstützen. Looschelders Förderprinzipien sind bürgerschaftliches Engagement und Hilfe zur Selbsthilfe, er zahlt dazu Sachmittel, Aufwandspauschalen und gibt Mikrokredite. Im Kreis Kleve fördert die Stiftung den Verein für Sozialberatung, der sich ehrenamtlich um Sozialtreffs und Erfahrungsaustausch für Empfängerinnen und Bezieher von Hartz IV- oder Sozialhilfeleistungen bemüht und sie – mit Beratung und rechtsanwaltlicher Hilfe bei Gerichtsverfahren – bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt. Dabei sind die Berater meist selbst Betroffene. Die Stiftung kann ihnen steuerfrei und ohne Anrechnung auf die Sozialleistungen eine Aufwandspauschale von 200 Euro monatlich für die ehrenamtliche Tätigkeit bezahlen.

Ein weiterer Verein, dessen Arbeit die Looschelders-Stiftung fördert, sind die „Gemeinschaftsgärten Essbares Klever Land“. Der Verein fördert das bürgerschaftliche Engagement, wenn öffentliche Flächen mit Obst, Gemüse, Kräuter oder Beeren bepflanzt werden. Es geht darum, Kontakt zu Naturkreisläufen und selbst produzierten Lebensmitteln zu bekommen und ein Stück Ernährungsentfremdung durch Fertigprodukte aus dem Supermarkt abzubauen. Dabei vertritt der Verein einen inklusiven Ansatz, indem er Migranten, Senioren, Behinderte und Arbeitslose zu gemeinsamem Tun bewegt. Das geht vom Gärtnern bis hin zur Organisation von kostenlosen Kochkursen. Sie zeigen wie man mit einfachen selbst zubereiteten Gerichten Tütensuppen & Co ersetzen kann. Dieses gemeinsame Tun fördert die eigene Gesundheit, die Biodiversität und den Schutz vor Klimafolgen. Denn selbst bei den letzten Hitzewellen am Niederrhein waren zu spüren, welche Bedeutung Stadtgrün in Wärmeperioden hat.

Die Looschelders-Stiftung beteiligt sich zudem mit 10.000 € und mit Mikrokrediten am Projekt „Bio Amigo“ in El Salvador und mit weiteren 10.000 € am Philippinen-Projekt eines Klever Ehepaars, das mit Hilfe von Moringa-Pflanzung, Aquaponik-Fischzucht und Terrapreta-Erde eine ökologisch intakte Kreislaufwirtschaft zur Selbstversorgung von Dörfern fördert.

Seit 2008: Bürgerstiftung Neuss

Im Gegensatz zu Herbert Looschelders vertritt Wolfgang Steinert eine Stiftung, die ausschließlich Projekte innerhalb der kommunalen Grenzen einer Stadt fördert. Steinert ist Gründungsstifter und Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Neuss (BÜ.NE), die sich seit 10 Jahren für ein lebens- und liebenswertes Neuss stark macht. Dabei sind die Bereiche, die die Stiftung unterstützt, so vielfältig wie jedes kommunale Leben einer größeren Stadt: Sie reichen von Lese-, Literatur-, Musik- und Konzertveranstaltungen über Lernpatenschaften für Kinder, die zu Hause wenig oder keine Unterstützung beim Lernen erfahren, bis hin zur jung-künstlerischen Aufwertung von Stromkästen, den „Neusser FarbKästen“, die sich bereits zum Blickfang innerhalb der Stadtbildes entwickelt haben. Angefangen hat alles mit einer Handvoll Bürger und Bürgerinnen, die rund 100 Neusser dazu bewegt haben ein Stiftungskapital von 60.000 Euro zusammenzuspenden. Dank weiterer Zustiftungen von Neusser Bürgerinnen und Bürgern in Höhe von 500 € oder von Neusser Unternehmen in Höhe von 1000 € wächst das Stiftungsvermögen. Aufgewertet wurde BÜNE auch durch eine Treuhandstiftung. Der Berthold-Koch-Stiftungsfonds unter dem Dach der Bürgerstiftung fördert vor allem Projekte in den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendschutz sowie Gewaltprävention. Darüber hinaus unterstützt er die Arbeit von Neusser Vereinen und Organisationen bei diesen wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben.

Jetzt nach 10 Jahren BÜ.NE beginnt langsam der Generationswechsel. Steinert: „Die ersten Gründer sind aus der Mitarbeit ausgeschieden – doch die Stiftung bleibt.“ Dafür sorgen auch satzungsmäßig festgelegte Gremien wie der Vorstand, der einmal im Monat tagt und der Stiftungsrat, der sich zweimal im Jahr trifft. Da der Begriff „Bürgerstiftung“ nicht geschützt ist, hält sich die BÜ.NE an die Zehn Merkmale einer Bürgerstiftung und bewirbt sich regelmäßig um das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Stiftung gründen 

Günter Neumann, Geschäftsstellenleiter und Berater bei der Volksbank Viersen hebt hervor, dass Stiftungen ein gutes Mittel sind, Vermögen ab mindestens 50.000 Euro zu schützen, dessen Wert zu erhalten und Steuern einzusparen. In vielen Fällen können sie dem Stifter eine effektive Lösung in Erb- und Nachfolgefragen bereiten. Die Stiftung ist für den ideal, der sein gemeinnütziges Engagement über den eigenen Tod hinaus fortsetzen möchte. Dabei könne bis zu einem Drittel des Stiftungsertrags auch für private Zwecke, zum Beispiel zur Grabpflege oder zur Ausbildung der Erben entnommen werden. Aber Neumann warnt davor, den Stiftungszweck zu eng zu definieren: „Wer eine Stiftung nur zur Forschung über eine bestimmte Krankheit gründet, hat den Zweck verloren, sobald ein wirksamer Impfstoff gefunden wird.“ Wer mit dem Gedanken spielt, eine Stiftung zu gründen, um einen gemeinnützigen Zweck dauernd und nachhaltig zu erfüllen, sollte sich auf jeden Fall beraten lassen, wie er in welcher Rechtsform eine Stiftung gründen kann, was bei der Anerkennung zur Gemeinnützigkeit zu beachten ist, wie die Stiftung am besten verwaltet wird und was in einer Satzung stehen sollte. Allgemeine Vorabinformationen gibt es in gedruckten Medien wie in der vom Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken herausgegebenen Broschüre „Stiftung gründen –Zukunft gestalten“ oder im Internet, z.B. auf der Homepage des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, bei dem unter anderem die Broschüre „Zahlen, Daten, Fakten zum deutschen Stiftungswesen“ kostenfrei heruntergeladen werden kann. Einzelberatung zur Handhabung des nordrhein-westfälischen Stiftungsgesetzes oder zu den Stiftungsparagrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches gibt es bei der Bezirksregierung, bei Notaren oder den Stiftungsberatern einer Bank.

Komplementäres Stiften ist gesund

Ausfallbürgen für Kürzungen öffentlicher Haushalte können und wollen Stiftungen nicht sein. Wenn in neoliberalen Zeiten die öffentlichen Mittel für bestimmte gesellschaftliche Bereiche schrumpfen, wollen Stiftungen nicht einspringen, wie der Arbeitskreis Kunst und Kultur des Bundesverbandes deutscher Stiftungen 2014 in der Schweriner Erklärung deutlich machte. Komplementär statt kompensatorisch wirken lautet die Devise. Beim Grenzlandgrün-Abend waren sich die drei Stiftungsvertreter einig, dass sie staatliche Aufgaben ergänzen aber nicht ersetzen wollen.  

Dass Stiftungen nicht nur das Vermögen absichern und dem Gemeinwohl dienen, sondern auch dem Stifter Glücksgefühle bescheren, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Galt dem Spender und Stifter des Mittelalters noch das „Seelenheil im Jenseits“ als persönliches Ziel geht es ihm heute auch um das persönliche Wohlbefinden, denn Wohltätigkeit macht glücklich. Dass dieses Glück bisher nur wenigen Frauen beschert wird, machte Moderator Manfred Böttcher zu Beginn der VHS-Grenzlandgrün-Veranstaltung deutlich: „Noch sind es mit großer Mehrheit die älteren Männer, die ihr Vermögen in Stiftungen anlegen.“ 

 

 

 
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