Grenzlandgrün       

niederrheinisch - nachhaltig   

Dienstag, 22. Oktober 2019

Nachhaltiger Wohlstand: Über die zähe Abkehr von der Plünder- und Plundergesellschaft

v.l. Gregor Halberstadt, Ulrike Seifert-Kraft, Willi Gillissen

„Eine Plünder- und Plundergesellschaft, in der alles einen Preis, aber nichts einen Wert hat, hat keine Zukunft.“ So lautete die zugespitzte Ausgangsthese des VHS-Grenzlandgrün- Abends „Schluss mit Murks und Müll – Für ein Recht auf nachhaltigen Wohlstand“. Nicht selten werden in der Diskussion um neuen Wohlstand, gutes Leben und die nachhaltige Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft Tauschringe, Repair-Cafés oder das Upcyling als Keimzellen einer enkeltauglichen Gesellschaft dargestellt. Die Rede ist dann von „Transformation durch Freikunst“, von „neuen Wegen durch disruptive Kreativität“ von „Basisdemokratie“, vom  „regionalen Gegenpol zur zügellosen kapitalistischen Wachstumspolitik“ , von „Zeitbanken als viertes Standbein einer zukünftigen Altersvorsorge“ , von „Ressourcenschonung und neuer Kreislaufwirtschaft“. Grund genug sich vor dem Hintergrund dieser manchmal ziemlich vollmundig geführten Debatte mit dem Alltag im Viersener Tauschring ZEITGEIST, im Viersener Repair-Café oder beim Kempener „groegl upcycling“ zu beschäftigen.

Gutes Leben, nachhaltiger Wohlstand und die Zwänge des Kapitalismus

„Mehr Glücksmomente – weniger Stress. Gutes Leben. Gesundheit und Wohlbefinden für alle“.  Um diese Ziele zu erreichen, preisen die einen neue Produkte der Gesundheitswirtschaft an, wie eine „30-Tage-Achtsamkeitschallenge“,  das „organisierte Waldbaden“ oder „Yogaescapes“ und „Wanderretreats“ an.  Die anderen betreten politisches Neuland und schreiben das ganzheitliche Wohlergehen als Verfassungsgrundsatz fest.  Beiden geht es um ein Leben im Einklang mit der Natur, um Ressourcenschonung, um einen – wie auch immer definierten – Gleichgewichtszustand. Es geht um Glücksempfinden, Bedürfnisbefriedigung, Muße, Selbstentfaltung. Es geht auch darum, sich vom über die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ermittelten Wohlstandsbegriff abzugrenzen. Denn es ist ja  eine Binsenweisheit, dass Konsumgüter abhängig machen können und wir nicht immer mehr „To-dos“ in einen auf 24 Stunden begrenzten Tag hineinpacken können.

Klassische Lehren zur guten Lebensführung werden wieder entdeckt. Denn dass ein gelungenes Leben kaum über die Ansammlung vieler Güter möglich ist, ist auch keine neue Erkenntnis. Zerfaserung, Verstopfung, Zerstreuung, Verzettelung, „rasender Stillstand“ (Paul Virilio) und Müll waren schon immer Feinde des Glücks. Resonanz, Achtsamkeit oder Empathie sind angesagt. Wer mag schon auf Kosten der Natur, seiner Kinder und Enkel oder der armen Menschen konsumieren und Abfallberge produzieren?

1996 erschien die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung.“ Hauptautoren waren Reinhard Loske und Raimund Bleischwitz, damals noch Mitarbeiter des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Mit  ihrem dort gezeichneten Leitbild „Gut leben statt viel haben“ beriefen sie sich auf Ludwig Erhard. Er hoffte 1957, dass Wohlstand und soziale Sicherheit die Menschen aus ihrer materialistischen Gesinnung herauslösen und „zum Bewusstsein ihrer selbst, ihrer Persönlichkeit und ihrer menschlichen Würde“ gelangen könnten. Die Menschen seien nur solange in den „Kümmernissen des Alltags gefangen“ wie sie materialistisch gebunden sind. Doch schon damals stellten die Autoren des Wuppertal-Instituts ernüchtert fest, dass "der erwartete Siegeszug des postmateriellen Bürgers irgendwo stecken geblieben sein muß“. Trotz aller Debatten um eine nachhaltige Entwicklung sind bis heute die Menschen in der Minderheit, die ein „gutes Leben“ im Einklang mit ihren normativen Vorstellungen von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit umzusetzen versuchen. Das Sinus-Institut beziffert sie für Deutschland mit 7%. Das Menschenbild eines auf individuelle Nutzenmehrung ausgerichteten homo oeconomicus mit tendenziell unendlichen Bedürfnissen ist offenbar immer noch eine sichere Basis für alle, die ihre Güter und Dienstleistungen auf den Märkten gewinnbringend verkaufen wollen. Die Ideen, die sich seit über 200 Jahren der blinden Akkumulationsdynamik des Kapitalismus entgegensetzen, sind von ihrer Umsetzung weit entfernt - trotz aller Diskussionen um Klimawandel, Biodiversität oder sozialer Ungerechtigkeit.

Karl Marx

Grenzlandgrün-Moderator Manfred Böttcher erklärt dieses Phänomen mit den Eigengesetzen des Kapitalismus. Er sei keine Naturordnung, sondern eine rund 200 Jahre alte äußerst erfolgreiche menschliche Erfindung, die heute unser Denken und Handeln mehr präge als die Naturgesetze. Kapitalismus brauche Markt und Wettbewerb und sei an staatlich garantierte Eigentums- und Nutzungsrechte gebunden. Diese Rechte werden im Rahmen einer kapitalistischen Landnahme in immer mehr Bereiche ausgeweitet. Neue Stichworte dazu seien zum Beispiel der „Betreuungsplatz“, der „Bildungsmarkt“, die „Ökosystemdienstleistungen“ oder die „Gesundheitswirtschaft“. Befeuert werde der Kapitalismus vom Profit. Ohne ihn gäbe es keinen Kapitalismus. Aus dem ständigen Zwang der Geldvermehrung entstehe eine Eskalationslogik des „immer schneller, immer weiter, immer mehr und immer effizienter“. Nur in dieser Dynamik könne das vom Kapitalismus geprägte Gesellschaftssystem stabil bleiben. Massenhafter Konsum-, Produktions- und Investitionsrückgang gefährde das System. Daher komme es im Kapitalismus darauf an, ständig neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Was Karl Marx den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ nannte, war für den Soziologen Max Weber ein „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“, ein „unentrinnbares Triebwerk“, das unseren Lebensstil mit überwältigendem Zwang bestimmt, „bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“

Heute seien es Sozialwissenschaftler wie Hartmut Rosa, Klaus Dörre, Stephan Lessenich oder Ulrich Brand und Markus Wissen,  die mit Begriffen wie „Beschleunigung“, „Resonanz“, „imperiale Lebensweise“ oder „Externalisierung“ zeigen, welche Folgen eine Lebens- und Wirtschaftsweise hat, die blind ist für ihre sozial und ökologisch problematischen Voraussetzungen und Folgen. Böttcher: „Ein ungezügelter Kapitalismus kann nicht nachhaltig sein. Denn nachhaltige Entwicklung soll gewährleisten, dass alle gegenwärtig und zukünftig lebenden Menschen innerhalb der natürlichen Grenzen befriedigen können. Das schließt aus, dass der Kapitalismus, wie wir ihn praktizieren, auf der ganzen Erde gleichmäßig weiter wächst.“

Dennoch bekennen sich die Vereinten Nationen im Weltnachhaltigkeitsziel Nr. 8 dazu, ein „dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschafts­wachstum, produktive Vollbe­schäftigung und menschen­wür­dige Arbeit für alle fördern“. Nur eine wachsende Wirtschaft könne die Lebensbedingungen für die Bevölkerungsmehrheit verbessern und für ein Einkommenswachstum sorgen, dass zur Bekämpfung von Armut notwendig ist. Aber auch in den heute noch armen Ländern sei es nötig, den Wohlstandszuwachs ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten.

Damit ist offensichtlich. Auch innerhalb des Leitbilds „Nachhaltige Entwicklung“ gibt es Brüche, Konflikte und Risiken. Nachhaltigkeit bleibe damit – so Böttcher –  „ein permanenter politischer Austauschprozess und ein komplexes Austarieren zwischen Naturgesetzen, menschlichen Bedürfnissen und wirtschaftlichen Systemzwängen“.

Mit zirkulärer Ökonomie intelligent verschwenden?

Im Rückblick hat der Kapitalismus seine Wandlungs- und Integrationsfähigkeit bewiesen. Daher gilt derzeit die zirkuläre Ökonomie mit nachhaltigen Produktions- und Konsummustern als ein Ausweg aus dem Wachstumsdilemma. Motto: „Mehr vom Richtigen statt weniger vom Falschen.“ Das „Cradle to Cradle“ (C2C) – Konzept gewinnt im Grenzland dank der Nachbarschaft zur niederländischen Provinz Limburg an Popularität. Sie hat vor einem Jahrzehnt C2C als Leitbild für die Zukunftsentwicklung festgeschrieben. Im März 2010 stellte die Kreisvolkshochschule Viersen in einer „Kurs 21“-Veranstaltung das Konzept vor. Im September 2019 wurde der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart für sein C2C-Konzept und seine Forschungen zur Ökoeffizienz mit der Goldenen Blume von Rheydt geehrt. Braungart hat das in den 1990er Jahren entwickelte Konzept über die Expo 2000  in Hannover vorgestellt. Dessen Grundsätze bestimmen C2C bis heute:

1. Bestehen Sie auf dem Recht, dass die Menschheit und die Natur in einem gesunden, sich gegenseitig unterstützenden, vielfältigen und nachhaltigen Verhältnis existieren.
2. Erkennen Sie Abhängigkeiten an.
3. Respektieren Sie die Beziehungen zwischen Geist und Materie.
4. Seien Sie sich der Verantwortung für die Konsequenzen bewusst, die Ihre Entwürfe auf das menschliche Wohlergehen, die Funktionsfähigkeit natürlicher System und deren Recht auf Koexistenz haben.
5. Schaffen Sie sichere Produkte, die lange halten.
6. Geben Sie das Konzept Abfall auf.
7. Verlassen Sie sich auf die natürlichen Energieflüsse
8. Erkennen Sie die Begrenzungen des Designs.
9. Suchen Sie nach ständiger Verbesserung, indem Sie Ihr Wissen teilen.

Ähnlich wie die Permakultur setzt C2C auf kreative Lösungen, die durch genaues Beobachten und die Kenntnis der realen Bedingungen und Bedürfnisse vor Ort gewonnen werden.

Noch funktioniert Wirtschaft in Europa zu großen Teilen linear. Wir entnehmen unserer Umwelt Ressourcen, stellen daraus Produkte her, bringen sie in den Konsum und werfen sie irgendwann auf den Müll. Jedes Nachdenken über Alternativen wie zirkuläre Ökonomie, Entkoppelung vom Ressourcenverbrauch, green economy, C2C, Permakultur steht vor der Schwierigkeit, dass noch keine moderne Gesellschaft existiert, die sich vom ressourcenintensiven Wachstums- und Beschleunigungsimperativ emanzipiert hat

Obwohl die Konzepte zur zirkulären Wirtschaft noch vielfältig sind, gibt es ein Grundgerüst von Handlungsmaximen und Aktionsmustern für einen Systemwandel weg von der Plünder- und Plundergesellschaft hin zu nachhaltigem Wohlstand. Stichworte: Regenerieren, reparieren optimieren, wiederverwenden, entmaterialisieren, teilen und tauschen, mit der Natur nicht gegen sie arbeiten, Produkte gebrauchen statt verbrauchen,  die Kraft der Vision nutzen und Dinge so sehen, wie sie einmal sein könnten. Noch ist der Beweis nicht erbracht, dass Profitorientierung und global nachhaltiger Wohlstand in Einklang zu bringen sind.

Aus alt mach neu: Groegl-Design

Die Kraft der Vision nutzt auch der Kempener Glasmaler, Produktdesigner und Upcycler Gregor Halberstadt. Unter dem Motto „Altes Material trifft auf frisches Design“ verwertet er seit 2012 in seinem kleinen Unternehmen Groegl upcycling mit kreativen Ideen das, was andere als Abfall deklarieren. Er lässt sich von  „Materialschätzen“ dazu inspirieren, aus scheinbar nutzlosem Müll Neues zu entwickeln. So entstehen in der Möbelwerkstatt eines Freundes aus alten Radschläuchen neue Schlüsselbretter, Blumenvasen oder der beliebte Talismann für's Fahrrad. Halberstadt verspricht ironisch: „Mit dem gibt’s keinen Platten, keine Unfälle und viel Glück im Leben.“ Er fertigt neue Garderoben aus ausgedienten Lattenrosten und Kunststofftonnen. Aus alten Stahlfässern  „zaubert“ Halberstadt neue Lampen. Er verwertet ausrangierte Skateboards, alte Ventile oder die Resthölzer des Hülser Instrumentenbauers Rüdiger Ziesemann und lässt daraus Stifte, Schmuck oder Schlüsselanhänger entstehen. Halberstadt verkauft seine Produkte über den PLUP-Laden  auf der  Düsseldorfer Ackerstraße (Motto: Design trifft Nachhaltigkeit) oder über die immer beliebter werdenden Design-Märkte wie Greta & Claus  in Mönchengladbach. „Für ein Leben mit Familie reicht es finanziell noch nicht.“ Noch betreibt Halberstadt groegl design im Nebenberuf und unterrichtet Kindergruppen und Schulklassen im "kreativen Basteln". Halberstadt sieht sich selbst irgendwo zwischen Produktdesigner, Handwerker und Weltverbesserer. Denn beim upcycling geht es auch um interdisziplinäre Kreativität, um Nachhaltigkeit, Reduktion und Sparsamkeit.

Halberstadt ist Teil einer wachsenden aber „noch übersichtlichen“ Upcycler-Szene, deren Produkte manchmal Kultstatus gewinnen können. In Dortmund haben große  Trash up – Festivals stattgefunden, die der Vernetzung dienten. Initiator waren Die Urbanisten“, ein in der Ruhrmetropole angesiedelter Verein, der sich als kreativer Impulsgeber, Projektmanager und Plattform für eine lebendige und nachhaltige Stadtentwicklung versteht.

Repair-Café gegen den geplanten Zerfall

Wie das Viersener Repair – Café in den letzten fünf Jahren am Grundgerüst für einen Systemwandel gearbeitet hat, macht der pensionierte Lehrer Willi Gillissen in seiner Präsentation deutlich. Mit Unterstützung von Michael Dörmbach ( „Viersen 55 plus - Miteinander – Füreinander“) und Manfred Böttcher ( Kreisvolkshochschule Viersen) rief er im März 2014 im Anschluss an eine VHS-Veranstaltung über Repair-Cafés in Aachen, Düsseldorf und Roermond mit großem Engagement und 15 handwerklichen Expertinnen und Experten eine Viersener Initiative ins Leben, die im September 2014 zum ersten Mal zu einem Repair-Café nach Viersen einlud.  Weitere Nachfolger, zum Beispiel in Willich, Grefrath, Schwalmtal sind ihm im Kreis Viersen mittlerweile  gefolgt. Auslöser für Gillissens Aktivität war seine Lektüre des 2013 erschienen Buches „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl. Dort macht sich der Generaldirektor des Deutschen Museums stark für eine Abkehr von der Wegwerfgesellschaft, indem die Konsumenten lernen,  Kaputtes selbst zu reparieren. In dem Buch propagiert er die „Do-it-yourself“ – Bewegung und die Idee der Repair Cafés. Sie wurde von der Amsterdamer Journalistin und Bloggerin Martine Postma 2009 ins Leben gerufen. Ihr „Starter kit“ und die von ihr begründete Stichting Repair-Café lösten weltweit die Gründung von Repair-Cafés aus. Gillissen: „Im Jahr 2019 gibt es weltweit über 1.900 Repair-Cafés, nicht mitgezählt sind die Reparaturinitiativen unter anderem Namen. 624 Besucher*innen zählte das Viersener Repair-Cafè bis September 2019. In 323 Fällen konnten sie es mit erfolgreicher Reparatur verlassen. Bei 14%  der defekten Geräte fehlte ein Ersatzteil. Die „Stimmung“ im Repair-Café sei gut, "weil es keine Hierarchie gibt" und Wissen und Fertigkeiten geteilt werden. 

Die westliche Gesellschaft sei auf Konsum ausgerichtet worden - betont Gillissen: "Die Nutzungsdauer der Güter wird immer kürzer". Auch die Industrie tue das Ihrige dazu und plane eine frühzeitige Alterung der Geräte ein: „Wir sprechen von einer geplanten Obsoleszenz, einem geplanten Zerfall. Kleine preiswerte Bauteile werden so dimensioniert, dass die Lebensdauer genau begrenzt ist. In anderen Fällen werden temperaturempfindliche Teile in die Nähe eines Transformators eingebaut, der naturgemäß Hitze abstrahlt.“ Ein weiteres Beispiel seien die beliebten Tintenstrahldrucker für ca. 50 Euro: „Will der Benutzer die leeren Patronen ersetzen, muss er feststellen, dass der Ersatz wesentlich teurer ist als das Neugerät.“ 

Mit außergewöhnlichen Schrauben oder Clips versuchen die Hersteller, Reparaturen zu verhindern. Das Öffnen eines der derartigen Gerätes erfordere viel Überlegung und Fingerspitzengefühl, um es nicht ganz zu zerstören. Statt bewusst Müll zu produzieren, sollten die Geräte reparaturfreundlicher designt werden. „Denn Reparieren ist besser als recyceln, ist effizient, schützt die Erde, spart Geld, lehrt Konstruieren, lässt einen an Herausforderungen wachsen, macht unabhängig und kreativ, ist umweltfreundlich und nachhaltig und macht Spaß.“ Und das Repair- Café verbinde Menschen und Dinge, getreu der Leitidee von Miteinander-Füreinander: „Ich für mich, Ich mit anderen für mich, Ich mit anderen für andere, Andere mit anderen für mich.“

Tausche Deine Talente – Geld spielt keine Rolle

Das Motto könnte auch für den Viersener Tauschring ZEITGEIST gelten. Renée Lamerz und Ulli Ilbertz gründeten ihn 2015 nach einer VHS-Veranstaltung über Tauschringe. Sie  brachten damit auch eine Initiative in Erinnerung, die die viel zu früh verstorbene Evi Klebba, eine Schwester von Renée Lamerz,  bereits Ende der 1990er Jahre mit großem Engagement in Viersen ins Leben gerufen hatte. Ulrike Seifert-Kraft,  Medizinerin und Diplom-Ingenieurin aus Brüggen, ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Tauschrings zuständig: „Bis zum Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung hatten wir auch eine Homepage.“ Aktuell umfasst der Tauschring 25 Mitglieder aus dem gesamten Kreis Viersen. Sie tauschen ohne Geld Hilfe mit dem Computer, Hilfe in Haus und Garten, backen für andere Kuchen, bügeln die Wäsche, übernehmen Fahrdienste und Kleintransporte. Verrechnet werden die Arbeiten mit der Tauschwährung Talente. Seifert-Kraft: „Alle Arbeiten sind gleichwertig. Für eine Stunde Arbeit gibt es 60 Talente.“ Die angesammelten Talente werden in einem Heft vermerkt und können untereinander eingelöst werden – nach dem Motto: Ich bügel für Frau Maier die Wäsche und die fährt dafür Frau Müller zum Arzt, die mir einen Kuchen gebacken hat.

Koordiniert wird das Ganze auf den Gruppentreffen, die jeden dritten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Viersener Südstadtbüro stattfinden. Die Treffen dienen zunehmend auch dem Austausch und Teilen von Wissen. Externe werden dazu eingeladen, die über Patientenverfügung, Plastikvermeidung oder Einsamkeit referieren. Besonders beliebt sind die gemeinsamen Wanderungen, Feiern oder Ausflüge.  Sie führten zum Beispiel nach Xanten, zur Tinguely-Ausstellung nach Düsseldorf oder ins Papiermuseum Düren.

Wer sich intensiver mit dem Tauschring beschäftigen möchte, kann dessen Sprechstunde besuchen. Sie findet an jedem ersten Donnerstag im Monat von 10 – 12 Uhr im Dülkener Sozialkaufhaus Robin Hood, Alter Markt 3, statt.

Kritische Masse für einen nachhaltigen Wohlstand?

Upcyceln, Tauschen und Reparieren sind drei Handlungsalternativen zum Massenkonsum und zur Massenproduktion in einer Plünder- und Plundergesellschaft. Dass ZEITGEIST, Groegl-design oder das Viersener Repair-Cafè noch weit davon entfernt sind als Reallabor für einen nachhaltigen Wohlstand mit zirkulärer Wertschöpfung zu dienen, machte die rege Publikumsdiskussion deutlich. Ein Teilnehmer fasste lakonisch zusammen: „ Von einer kritischen Masse für den gesellschaftlichen Wandel kann hier noch keine Rede sein“. Andere wiesen darauf hin, dass manche Tauschringe wesentlich größer seien, digitale Tauschplattformen und Blockchains nutzen würden und sich für eine alternative Regionalwährung stark machen. Repair Cafés müssten eigentlich zu offenen Werkstätten erweitert werden. Beim ersten VHS-Grenzlandgrün-Abend zum Thema „Schluss mit Murks und Müll“ im März 2014 hatte Kristin Pawlow geschildert, wie sich aus dem Düsseldorfer Repair-Cafè das GarageLab entwickelt hat. Eine Teilnehmerin meinte, es sei auch Aufgabe einer Volkshochschule, offene Werkstätten zu organisieren,  den Dialog zwischen Jung und Alt über Transformationsdiskussionen und Do-it-yourself-Veranstaltungen zu fördern. Eine andere verwies in diesem Zusammenhang auf die Boomerang-Bags-Nähprojekte in Tönisvorst und Willich. Ein Teilnehmer erinnerte an die vielen Nachhaltigkeitsinitiativen, die im Rahmen der Lokale Agenda-Aktivitäten während der Jahrtausendwende auch im Kreis Viersen entstanden und „wieder eingeschlafen“ sind. Einigkeit herrscht offenbar darüber, dass es an „runden Tischen“ und kommunalen Koordinationsstellen für entsprechende Bürgeraktivitäten fehle. Menschen suchten nach nachhaltigen Handlungsalternativen für eine ökosoziale Wirtschaft und ein Zusammenleben, das von Achtsamkeit und Solidarität geprägt ist. Dazu brauche es aber auch einen Rahmen. Es könne nicht sein, dass dem Einzelnen viel Ökomoralisches abverlangt werde, während die Politik zuschaue.

Die meisten Menschen stehen morgens auf und machen Kapitalismus. Ökologisch und sozial verträglichen Wohlstand zu schaffen, davon sind die gegenwärtigen Wertschöpfungsketten noch weit entfernt. Tauschring, Repair-Café und Upcycling machen aber eins deutlich: Wirtschaft ist mehr als Geldtausch und unternehmerisches Profitstreben. Wirtschaft umfasst alle Aktivitäten, die der kollektiven Bedürfnisbefriedigung dienen. 

Warum sieht es daher die kommunale Wirtschaftsförderung nicht als ihre Aufgabe an, derartige Aktivitäten zu koordinieren und zu unterstützen? Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut hat mit seinem Konzept zur Wirtschaftsförderung 4.0. schon mal vorgearbeitet…