niederrheinisch - nachhaltig 

Dienstag, 6. Juli 2021

Zukunft wachküssen?

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Er stammt mutmaßlich aus dem Großbritannien des Jahres 1990, gilt als Inbegriff der Romantik und steht für Liebe, Zuneigung, Leidenschaft, Freundschaft, Lebenslust und Verbundenheit. In Pandemie-Zeiten gewinnt er an subjektiver Bedeutung: Der Internationale Tag des Kusses am 6. Juli. 

Mit der Philematologie gibt es einen ganzen Wissenschaftszweig, der sich mit den physiologischen, sozialen und kulturellen Aspekten des Küssens beschäftigt. Angeblich werden bei einem 10-sekündigen Kuss 80 Millionen Erreger ausgetauscht. Manche Biolog*innen vermuten daher, dass Menschen es evolutionsbiologisch genau darauf abgesehen haben und bei einem Kuss auch danach streben, den eigenen Organismus widerstandsfähiger zu machen. Vielleicht ist das ein Grund, warum Vielküsser*innen länger leben. Andere Philematolog*innen sehen Küssen als Weiterentwicklung der Nahrungsweitergabe oder des Beschnüffelns und Beleckens des Hinterteils.

Es gibt Kussverbote und Kusstabus, Bussis und Bützchen, französische Varianten und niederländische „Drieklapper“. Im Schnitt haben Menschen im Alter von 70 Jahren etwa 76 Tage ihres Lebens mit Küssen verbracht.

Aus der „Tagesschau“ verschwunden sind die Bilder vom sozialistischen Bruderkuss, vom päpstlichen Flughafen-Landebahn-Kuss oder den Junckerschen Kommissionspräsidenten-Küssen. Das „Küss‘ die Hand gnä‘ Frau“ ist aus der Mode geraten, der ehrerbietende Handkuss aber noch nicht. Der Kuss auf der Stirn bedeutet in manchen Kreisen nichts Gutes…

Zeit- und Raumküsse

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Auch Zeit und Raum sind nicht kussfrei. Der Niederrhein sei da, wo das flache Land den Himmel küsst, meinte der im Dezember 2005 verstorbene Autor, Schauspieler und Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch. Der im August 2020 verstorbene Viersener Studiendirektor und Schriftsteller Dr. Paul Eßer bekam meist einen dicken Hals, wenn er das hörte. Er kritisierte dieses Bild als ein Klischee zur touristischen Vermarktung seiner Heimat. 

Den Kuss aus der Vergangenheit beschreibt ein kurzer übersinnlicher Liebesroman von Carly Fall. 

Die Zeitschrift „Politische Ökologie" erfand zum Ende des Jahres 2005  eine ganz besondere Form des Küssens. Sie berief sich auf das Märchen vom Froschkönig und versprach „Zukunft wachküssen“.

Nach der vorgezogenen Bundestagswahl und zum Beginn des ersten „Kabinetts Merkel“ erschien das Heft mit Leitlinien für ein nachhaltiges Regierungsprogramm. Es sollte den globalen ökologischen Notwendigkeiten, der wirtschaftlichen Vernunft und der Gerechtigkeit der Welt Vorrang geben vor dem parteipolitisch Durchsetzbaren. Jenseits von Wahlkampfrhetorik und taktischem Koalitionsgeplänkel arbeiteten die Autor*innen heraus, welche nachhaltigkeitspolitischen Herausforderungen zu Beginn der Merkel-Ära zu meistern gewesen wären.

Die teilweise kontroversen Texte forderten mit Blick auf eine „nächste industrielle Revolution

  • die Abkehr von der illusionären Verschwendungsökonomie des ewigen Wachstums und den Aufbau einer das Naturkapital erhaltenden ressourcenarmen Wirtschaft
  • die Entzauberung des Freihandels und die Entwicklung globaler Governance-Strukturen
  • ein schlankes Umweltgesetzbuch, mit denen Deutschland seinen europarechtlichen Verpflichtungen effektiver nachkommen könnte
  • den schnellen Ausbau der nicht-fossilen Energiequellen bei gleichzeitiger Senkung des Energieverbrauchs
  • einen „Spurwechsel“ in der Verkehrspolitik
  • eine an Ökologie und ländlicher Entwicklung ausgerichtete Agrarpolitik
  • eine Gemeindefinanzreform mit einer ökologisch ausgerichteten Grundsteuer
  • den Krisenbeschreibungen einen Streit über unterschiedliche Vorstellungen und Projekte gesellschaftlicher Entwicklung folgen zu lassen
  • die Kreislaufwirtschaft und das nachhaltige Bauen zu fördern
  • eine sozialökologische Steuerreform
  • die langfristigen Dimensionen der Nanotechnologie oder der grünen Gentechnik ernster zu nehmen

Vieles aus den 16 Jahre alten Texten klingt bis heute unangenehm gegenwärtig und unerledigt. Das im 2005er-Koalitionsvertrag vereinbarte Projekt „Umweltgesetzbuch“ hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am 1. Februar 2009 wegen Widerstands aus CSU-Kreisen gegen eine „integrierte Vorhabengenehmigung“ für gescheitert erklärt. Es hätte die in den 1970er Jahren entwickelten Grundprinzipien der Umweltpolitik in den Nachhaltigkeitsabwägungen fest verankern und manche Gerichtsverfahren vermeiden können. 

Mit dem Froschkönig die Zukunft wachküssen 

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Was an den Dornröschenschlaf gesellschaftlicher Leitbilder erinnert, hatte Anke Oxenfarth im Editorial zum Heft mit dem Märchen vom Froschkönig verbunden. Die Politiker*innen würden die unpopulären Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen genauso ungern anfassen. wie die Königstochter den glitschigen Frosch.

Oxenfarths Hoffnung im Jahre 2005: „Dabei könnten sich Themen wie eine zukunftsfähige Energieversorgung, faire Handelsbedingungen oder eine nachhaltige Mobilität in ungeahnte schöne Prinzen verwandeln – würden sie nur einmal richtig angefasst!“ Es gäbe Länder, die ihren Prinzen wachgeküsst hätten. Sie seien mit neuen Arbeitsplätzen und ansehnlichen Exportchancen belohnt worden. Daher sollten die Menschen ihre politisch Verantwortlichen „genauso hartnäckig an die Nachhaltigkeitsthemen erinnern wie der Frosch die Königstochter an ihr Versprechen.“ 

Was sind die wach zu küssenden Nachhaltigkeitsthemen? Geht es um ein weniger und besser oder auch darum, auf ein defektes Ökosystem ein Technosystem zu klemmen, das die fehlenden Regelkreise ersetzt, wie das Zukunftsforschungs- und Science Fiction Paar Angela und Karlheinz Steinmüller in ihrem fiktiven  - durch Terraforming geprägten -  Konferenzbericht über das Manifest Environment 21 beschreiben? Oder geht es darum, sich vom „größten Missverständnis der Nachhaltigkeitspolitik“ zu verabschieden? Martin Jännicke, damals noch stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU), umschreibt so das bis heute noch benutzte Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit. Für Jännicke verbirgt sich dahinter ein Kidnapping des Nachhaltigkeitsbegriffs zu Lasten der Umweltpolitik und der intergenerationellen Gerechtigkeit.
 
Nachhaltigkeit werde gestärkt, wenn sie über Konflikte zu einem wichtigen gesellschaftlichen Thema gemacht werde, schreibt  Ulrich Brand in seinem Artikel über den Mythos des Globalen. Es gehe darum, attraktive Vorstellungen eines guten Lebens zu entwickeln. Daher müsse der Staat jenen Kräften Gehör verschaffen und sie stärken, die sich mit den Fragen nach Alternativen zu den bestehenden Produktions- und Konsummustern beschäftigen. 

Die Spannung zwischen den unterschiedlichen Nachhaltigkeitsbegriffen gilt immer noch. Welchen Prinz würde man heute mit Nachhaltigkeit wachküssen? Den des Systemwechsels der "Fridays for future" oder den der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung? 

Niederrheinische Zukunft vor 50 Jahren

Schema einer Tageserholungsanlage - Abbildung aus dem Nordrhein-Westfalen-Programm 1975

Es ist noch nicht lange her, da wurde die niederrheinische Zukunft im Rahmen der Rheinschiene Basel – Rotterdam definiert, mit einem Schnellen Brüter in Kalkar, einem Atomkraftwerk in Wesel, neuen Kohlekraftwerken in Voerde, einem Industriepark in Salmorth (Kleve) oder einem petrochemischen VEBA-Werk in Orsoy-Land (Rheinberg). 

Vor 50 Jahren gab es andere Leitbilder und Zukunftsvorstellungen als heute. Erderhitzung war eher kein Thema. Die Grenzen des Wachstums gerieten erst  allmählich in den Blick. Hoffnungen waren verbunden mit einem Autobahnanschluss im Umkreis von maximal 10 km vom Wohnort, mit dem marktfähigen Stärken von Kohle und Kernenergie, mit der Konzentration landwirtschaftlicher Betriebe oder dem Fremdsprachenerwerb durch programmgesteuerte Unterweisung in sog. Sprachlehranlagen.
 
Im "Nordrhein-Westfalen Programm 1975" gab es noch Probleme und keine Herausforderungen. Manche These zu den Problemen der Gegenwart erfrischt auch heute noch.
 
Freizeit galt 1970 als der expandierende Gesellschaftsbereich mit dem größten Flächenbedarf. Daher sollte sich eine oberste Landesbehörde darum kümmern: „Den akuten und langfristigen Anforderungen des Freizeitbereichs kann häufig nur durch überörtliche Planung entsprochen werden. Ihre Durchführung muß auch dann gewährleistet sein, wenn die örtlichen Träger nicht in der Lage sind, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.“ (S. 113)

Es ging  1970 um gleichwertige Lebensverhältnisse, um die Erfüllung des Bedarfs nach Sport, Spiel und Muße, um Kontakt- und Hobbymöglichkeiten und – damit verbunden – um den landesweit gesteuerten Bau von Wochenend- und Tageserholungsanlagen.

Baden gehen in Niederkrüchten & Co

In den letzten Corona-Monaten haben derartige Anlagen einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden geleistet. Die gegenwärtigen Diskussionen um Hallenbäder und Badeverbote in Brüggen und Niederkrüchten zeigen, dass einiges für Ulrich Brands Forderung einer streitorientierten Nachhaltigkeitsdebatte spricht.

Über Jahrzehnte sind im Grenzland legale Bade- Freiluft- und Schwimmmöglichkeiten entfallen. Wenn seit Juni 2021 schwimm- feier- oder erholungsbedürftige Menschen per Pauschalverordnung von den letzten illegalen – aber geduldeten -  Plätzen vertrieben werden sollen, entstehen zwangsläufig Diskussionen. Sie haben deutlich gemacht, in welch ökonomisch geprägten Schatten die sozialen Perspektiven der regionalen Infrastrukturdebatte geraten sind. 
Daher hat zumindest in dieser Hinsicht das Nordrhein-Westfalen-Programm 1975 nichts an Gültigkeit verloren: „Die notwenigen Einrichtungen für Schwimmen, Spiel und Sport sowie für „stille Erholung“ müssen in zumutbarer Entfernung, möglichst auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein.“ (S. 107)

Zukunft im Sinn – Vergangenheit in den Akten

© Ro Ma auf pixabay

Es heißt, man solle bei der Planung die Zukunft im Sinn und die Vergangenheit in den Akten haben. Doch die eine Zukunft gibt es nicht. Die beste Methode, Zukunft vorherzusagen besteht darin, sie zu erfinden. Dabei geht es nicht um die verkauften Pseudozukünfte der Finanzwirtschaft oder darum im Namen der Zukunft die Gegenwart zu vermiesen, um die Vergangenheit zu bewältigen. Es geht um die vielleicht gar nicht so kontroverse Frage, wie wir leben wollen. Das Ja zum Erhalt der planetaren Lebensgrundlagen, zur Artenvielfalt, zu sauberer Luft, weltweiter Fairness oder anständiger Arbeit erhält bei Umfragen große Mehrheiten.

Zum Ende der bundesdeutschen Merkel-Ära wäre es daher nicht schlecht, sich vom „fatalen Jetztismus“ (Luisa Neubaur) oder von der „Moral des Personenstands“ (Michel Foucault) zu verabschieden und wieder die gesellschaftlichen Möglichkeiten und Visionen in den Blick zu nehmen, die vor der neoliberalen Wende entwickelt wurden.
 
Die westdeutschen Babyboomer sind mit Anti-AKW-Bewegung, Ostermärschen und Feminismus aufgewachsen. Manche glaubten eine Zeit lang dem „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse Tung: „Die Welt schreitet vorwärts, die Zukunft ist glänzend.“ 

Die Zukunft, die den 1968ern und den Boomern vorschwebte, ist mittlerweile dank marktradikaler Denkfabriken und nach vielen Deregulierungen und Privatisierungen zum pervertierten Teil der Herrschaftsstruktur geworden. Der ökonomische Mainstream hat viele der in den damaligen Zukunftsvisionen enthaltenen Ideale vereinnahmt.

Emanzipation, Autonomie oder Kreativität zählen heute zu den modernen beruflichen Tugenden. Sie enthalten kein Widerstandspotenzial mehr. Im Gegenteil: sie führen bei den Jüngeren eher zu Widerstand und dem Ruf nach mehr Bindung, mehr Sicherheit, mehr Regeln und mehr Tradition.

Wie wäre es daher mit einem Nordrhein-Westfalen-Programm 1975+, das

  • mehr Solidarität und weniger Selbstoptimierung
  • mehr soziale Gleichheit und weniger individuellen Aufstiegskampf
  • mehr Mensch und weniger Ego-Modelle
  • mehr Streit und weniger Sprechblasenpolitik

verspricht?

Die Zukunft mit Nachhaltigkeit wachküssen bedeutet wohl auch,  die aus der Vergangenheit gewachsenen Erfahrungen mit Wünschen zu verknüpfen und dabei den Begriff der Nachhaltigkeit ideologiekritisch zu verwenden und niederrheinisch zu hinterfragen: Was soll das? Wer macht was? Wer hat was davon? 

Wachküssen oder eiserne Bande anlegen? 

© Adina Voicu - pixabay.com

Die derzeitigen Diskussionen um Wasserstoff, Digitalisierung und die Machenschaften der Klimaschmutzlobby zeigen, dass „global nachhaltige Zukunft“ auch eine Ausrede all derer sein kann, die in der Gegenwart nichts verändern wollen. In Grimms Märchen vom Froschkönig geht es nicht ums Küssen sondern um einen Gewaltakt mit Tötungsabsicht.

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ beschreibt nach eigenen Angaben die „alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“.

Die jüngste und schönste Königstochter versprach einem garstigen Frosch mit dickem und hässlichem Kopf, seine Gefährtin sein zu wollen, nur damit er ihr Lieblingsspielzeug – eine goldene Kugel – aus dem tiefen Brunnen holte.

Als sie die Kugel hatte, wollte die Königstochter sich jedoch nicht mehr an ihr Versprechen halten. Der Frosch jedoch blieb hartnäckig und forderte Einlass ins Schloss. Das gelang dem grünen Hüpfer, denn der König bestand darauf, das Versprechen einzuhalten.

Als der Frosch das Bett mit der Königstochter teilen wollte, wurde sie bitterböse und warf ihn aus allen Kräften gegen die Wand - mit den Worten „Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch“. Folge: "Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen.

Es geht also beim Froschkönig nicht darum, irgendeine eine glänzende Zukunft wach zu küssen.  Zukunft entsteht in diesem Märchen durch einen misslungenen Tötungsversuch der schönen Prinzessin. Mit diesem Gewaltakt hat sie mittelbar auch die noch drei eiserne Bande gesprengt, die sich der treue Heinrich, der Diener des Königssohns, um sein Herz hatte legen lassen, nachdem der Königssohn zu einem Frosch verhext worden war. 

Offenbar passt das Bild mit dem Froschkönig und einer wach zu küssenden Zukunft, das sich die Zeitschrift „Politische Ökologie“ ausgedacht nicht so ganz zur Idee der Nachhaltigkeit. Vielleicht hätte der treue Heinrich ein klügeres Bild für Nachhaltigkeit abliefern können. Der Diener hatte nach dem Hexenfluch -offenbar im Vertrauen an die Wiederherstellung des alten Zustands - auf Selbstbeschränkung gesetzt.

Was bringt der goldene Schlüssel?

© Gordon Johnson - pixabay

Den Tag des Kusses gibt es nur am 6. Juli. Der Namenstag für Heinrich ist am 

  •  8. Januar -  19. Januar -  23. Januar
  •  11. März
  •  10. Juni
  •  13. Juli -  14. Juli
  • 11. November
  • 20. Dezember

Leidenschaftliche Küsse können zur seelischen Verwirrung führen. In der Selbstbeschränkung kann sich der goldene Schlüssel zu nachhaltigem Wohlbefinden verstecken. 

Darum geht es in einem anderen Märchen der Gebrüder Grimm. In dessen Mittelpunkt steht keine schöne Königstochter, sondern ein armer Junge, der den goldenen Schlüssel und das zugehörige eiserne Kästchen im Schnee gefunden hat.
 
Das Märchen endet so: „Er probierte und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.“

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