Grenzlandgrün       

niederrheinisch - nachhaltig   

Dienstag, 5. November 2019

Kies und zirkuläre Wirtschaft – Wie wird Bauen nachhaltig?  

v.l. Dr. Helmut Spoo, Markus Steppler, Ute Sickelmann, Maximilian Breidenbach

Bauen boomt. Der Verbrauch an Baumaterialien ebenfalls. Sande und Kiese sind mengenmäßig die größte in Deutschland gewonnene Rohstoffgruppe. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beziffert die 2017 gewonnene Menge an Kiessanden auf rund 257 Millionen Tonnen mit einem Wert von etwa 1,7 Milliarden Euro. Sie werden zu über 95% in der Bauindustrie verwendet. Damit nehmen sie  seit Jahren die Spitzenposition in der bundesdeutschen „Rohstoffhitparade“ ein. Dennoch spielt die Kies- und Sandgewinnung – anders als die Braunkohle – noch eine eher untergeordnete Rolle in der bundesweiten öffentlichen Diskussion. Ein Grund dafür: die dezentrale Gewinnung in über 2.000 mittelständischen Kieswerken mit über 14.000 Mitarbeitern.  Ein großer Teil davon arbeitet am Niederrhein. Denn im erdgeschichtlichen Pleistozän hat „der Rhein“ Kiesablagerungen produziert, die heute als besonders wertvoll gelten. Geologisch gesehen gibt es im Rheinland noch reichlich Kiesvorkommen. Das Problem: sie liegen an ungünstigen Abbaustellen wie unter dem Kölner Dom, in Siedlungs- und Gewerbegebieten oder unter wertvollen Naturschutz- oder Ackerflächen. Daher sind vor allem ländlich geprägte Kreise wie Kleve, Wesel und Viersen vom Kiesabbau betroffen. Doch der Widerstand von Bürgern, Naturschützern oder Wasserwirtschaftlern wächst,  und die Diskussion um nachhaltige Alternativen zum Kiesabbau nimmt an Fahrt auf. Grund genug für einen VHS-Grenzlandgrün-Abend mit dem Thema „Kies und zirkuläre Wirtschaft – Wie wird Bauen nachhaltig?“ 

© Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

300 Jahre Nachhaltigkeit. Das Jubiläum feierten wir im Jahre 2013. Im VHS-Grenzlandgrünabend erinnerte Markus Steppler, Vertriebsleiter der Derix Holzbau daran.  Im Jahre 1713 erschien Sylvicultura oeconomica. Der Verfasser war Hans Carl von Carlowitz, Leiter des Oberbergamtes Freiberg im Erzgebirge. Die dortigen Erzgruben und Schmelzhütten brauchten Holz als Energiequelle. Die Bevölkerung wuchs und das Holz wurde knapp. Einen geregelten Waldbau gab es noch nicht. Von Carlowitz forderte, respektvoll mit der Natur und ihren Rohstoffen umzugehen und nur soviel Holz zu verbrauchen,  wie wieder nachwachsen kann. Einen auf kurzfristigen Gewinn ausgelegten Raubbau der Wälder lehnte er ab.  

In den Jahren um 1713 entwickelte sich das,  was der Soziologe Max Weber als den durch protestantische Ethik geprägten Geist des Kapitalismus bezeichnete.  Evolution, Aussterben von Arten oder ökologische Wechselwirkungen  „gab“  es nicht – zumindest nicht im Bewusstsein der Menschen. Denn Naturforscher wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt waren noch nicht geboren. Deren Gedanken waren 1713 noch undenkbar. Daher hat sich das Konzept der nachhaltigen Forstwirtschaft seit Carlowitz weiterentwickelt und die Spannung zwischen Artenschutz und Rohstoffversorgung im Wald herausgearbeitet. 

Noch undenkbare Gedanken und die offenen Uni-Denker aus Duisburg

An den Gedanken der noch undenkbaren Gedanken erinnern Aussagen im Zusammenhang mit den seit 2017 auf den Weg gebrachten so genannten Entfesselungspaketen der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Sie sollen – so Ministerpräsident Armin Laschet - "klare Signale für eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung Nordrhein-Westfalens aussenden." In der Vorstellung der "Entfesseler" gibt es  ökonomischen Fortschritt  nicht ohne den kiesträchtigen Haus- und Straßenbau.

© Peter von Bechen - pixelio.de

Ute Sickelmann ist Mitglied des Düsseldorfer Regionalrats und des Niederrhein Apells. Sie lebt in Emmerich, arbeitet als grüne Kommunalpolitikerin im Kreis Kleve und macht deutlich: „Zu diesen Entfesselungspaketen gehören eine 25- jährige Versorgungssicherheit für die Kies- und Sandindustrie, aber was noch schwerer wiegt,  die Entmachtung der Regionalplanung. Deren Steuerungswirkung soll zukünftig für die BASB-Flächen nicht mehr Pflicht, sondern nur noch eine Option sein.“

BASB steht für „Bereiche für die Sicherung und den Abbau oberflächennaher Bodenschätze“, die bisher verbindlich im Regionalplan festgelegt wurden - unter rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Abwägungen zwischen Rohstoffsicherung, Wasserversorgung, Land- und Forstwirtschaft, Boden- und Denkmalschutz, Schutz von menschlichen Bedürfnissen, Schutz von Tieren und Pflanzen oder dem Schutz des Mikroklimas. 

Um noch  weitere Optionsflächen für die Kiesindustrie zu ermöglichen, haben CDU und FDP im Koalitionsvertrag vereinbart, die Wasserschutzzonen  III B für Rohstoffabgrabungen  zu öffnen. Im Hintergrund wird bereits  die entsprechende Änderung des  Landeswassergesetzes vorbereitet. 

Eine Grundlage für die nordrhein-westfälischen Entfesselungspakete zur dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung bietet die im September 2018 erschienene gutachterliche Stellungnahme „Die Zukunft der Kies- und Sandindustrie im Planungsbezirk Düsseldorf vor dem Hintergrund einer möglichen Fortschreibung des Regionalplans Düsseldorf“. Erstellt haben sie der Verband der Bau- und Rohstoffindustrie (vero) und Professor Dr. Nicolai Dose und Dr. Matthias Reintjes vom Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung an der Universität Duisburg-Essen (RISP). Obwohl die Uni Duisburg-Essen mit dem Branding „Offen im Denken“ für sich wirbt, ist das Gutachten nicht gerade von Gedankenoffenheit geprägt. 

Ohne Rücksicht auf ökologische Systemzusammenhänge suggeriert das Gutachten, dass die Kies- und Sandindustrie ewig wachsen könne, wenn man nur „Abbauhemmnisse“ wie das Abgrabungsmonitoring des Geologischen Dienstes oder Art und Umfang der Genehmigungsverfahren reformieren würde. Denn Voraussetzungen für kompetente Rohstoffsicherung bestehen für die offenen Denker der Uni Duisburg-Essen offenbar ausschließlich  „in der Kenntnis von Verbreitung und Beschaffung der Rohstoffe“ sowie dem „Bedarf an Rohstoffen“. 

Die Gutachter schwärmen von den hochwertigen Lagerstätten am Niederrhein, deren Körnungsgrößenverteilung für die Weiterverarbeitung in Betonwaren sehr gut geeignet seien. „Insbesondere die pleistozänen, also die kaltzeitlichen Terrassenablagerungen des Rheins und der Niers in den Kreisen Kleve, Wesel und Viersen sind von anerkannt hoher Qualität.“ Dass dies nicht nur für die Betonverarbeitung, sondern auch für den überlebenswichtigen Boden- und Grundwasserschutz gilt, findet in dem Gutachten keine Berücksichtigung. Im Gegenteil. Die von Ute Sickelmann beschriebenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Bedeutung der grundwasserüberdeckenden Schutzschichten des Bodens, deren Reinigungsleistung und die Gefahr der massiven Verringerung der Grundwasserneubildung durch Klimawandel bleiben in dem Gutachten unerwähnt. Sie gelten auch als Abbauhemmnisse, die nach Einschätzung der Gutachter ohnehin „einer objektivierten quantitativen Betrachtung“ nicht standhielten und „vom subjektiven Empfinden der Akteure“ abhängig seien. Mit Akteuren umschreiben die Gutachter unter Hinweis auf eine Studie mit dem Titel „Sand im Getriebe“ „das gesellschaftliche Teilsystem der „Bürger und Anwohner, Naturschutzverbände, Wirtschaft, Raumordnung, Politik und Wissenschaft“.

Hydrogeologie, Raumordnung und Bodenkunde als subjektives Empfinden?  Diese „gutachterliche Stellungnahme“ eignet sich nicht als seriöse Grundlage für einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zum Kiesabbau.

Lohnenswerter ist es, sich mit den zu dieser Thematik  im Auftrag des Umweltbundesamtes vom Berliner Öko-Institut und dem Juristen Dirk Teßmer erstellten INSTRO-Gutachten zu beschäftigen. Die zwei Teile des Abschlussberichts zur umweltverträglichen Steuerung der Rohstoffgewinnung sind im Juli 2019 erschienen und stehen zum kostenlosen Download bereit: Teil 1 und Teil 2

Kiesentfesselung und die geteilte Regionalplanung

Dass die Kiesindustrie schon 1999 mit wissenschaftlichen Scheuklappen agierte, steht für Ute Sickelmann fest. „Die Kiesindustrie forderte 1999 für den Regierungsbezirk Düsseldorf am Niederrhein Abgrabungsflächen im Umfang von 150 Quadratkilometern. Das ist drei Mal Garzweiler. Sie wollte ein Abgrabungsrecht für alle Flächen, auf die sie eine Kaufoption hatte und verlangte die Reduktion von Trinkwasserreservegebieten.“ 

Politischer Konsens bestand jedoch darin, im Gebietsentwicklungsplan für den Regierungsbezirk Düsseldorf (GEP 99) den Kiesabbau auf 50 Quadratkilometer konfliktarme Fläche zu begrenzen. Diese sollten nach dem Abbau möglichst mit gesellschaftlichem Mehrwert wiederhergestellt werden, zum Beispiel durch attraktive Freizeitprojekte.   Den Kiesexport wollten die Politiker*innen verringern. Trinkwasserschutzzonen sollten für die Kiesindustrie tabu bleiben. Der GEP 99 wurde im Mai 2000 vom damaligen  - von Bärbel Höhn geleiteten  - Umweltministerium im Auftrag der Landesregierung genehmigt.

Sickelmann: „Die Kiesindustrie sah sich als Verlierer und beklagte den GEP 99 durch alle Instanzen.“ Nach 10 Jahren Rechtsstreit wurde der Bezirksregierung höchstrichterlich bestätigt, dass sie im Regionalplan verbindliche Abgrabungsgebiete festlegen kann. „Eine Revisionsklage der Kiesindustrie hatte keinen Erfolg. Allerdings gab das Oberverwaltungsgericht Münster dem Düsseldorfer Regionalrat auf, weitere „Sondierungsgebiete“ für 25 Jahre auszuweisen. Das dazu notwendige förmliche Verfahren wurde mit der 51. Änderung des GEP 99 im Jahre 2007 eingeleitet.“ Es führte zu erheblichen Bürger-Protesten. Daher wurden im Verlauf des Verfahrens die Sondierungsbereiche von 1.675 auf 1.200 Hektar reduziert. Unter anderem entfielen Flächen in Nettetal, Kalkar, Rheinberg und an der Grenze zwischen Xanten und Sonsbeck.

In diesem Verfahren sicherte sich die Schwalmtaler Sanders Tiefbau GmbH im Jahre 2008 mit politischer Unterstützung der CDU- und FDP-Fraktionen zusätzliche Sondierungsflächen in Lüttelforst. Deren Umsetzung sorgt bis heute bei Bürgern für Unmut und hat dazu geführt, dass sich die im April 2019 neu formierte „IG Schwalmtal for future“ einen Monat später dem Aktionsbündnis „Niederrheinappell 2019“ angeschlossen hat.

© Bezirksregierung Düsseldorf

Wie sinnvoll das ist, erläutert Sickelmann anhand der Entstehungsgeschichte des seit Frühjahr 2018 gültigen Regionalplans Düsseldorf (RPD). Im Zusammenhang mit der Gründung des Regionalverbands Ruhr (RVR) entstand ein neuer Planungsraum Düsseldorf, zu dem die kiesträchtigen Kreise Viersen und Kleve gehören, aber Wesel nicht mehr. Der Regionalplan Düsseldorf übernahm den im Rahmen der 51. GEP-Änderung erzielten Kies-Kompromiss. Auch den hatte die Kiesindustrie beklagt, war damit aber endgültig am 18.Januar 2011 vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gescheitert. 

Der neue Regionalplan für den RVR befindet sich im Verfahren. Er soll noch vor der Kommunalwahl am 13. September 2020 verabschiedet werden. Doch dies scheint nicht mehr zu klappen. Denn bei knapp der Hälfte der ungefähr 5.000 Einwände gegen den Entwurf geht es um den geplanten Kiesabbau im Kreis Wesel. Der Kreis selbst hat eine Klage gegen die im Rahmen der Entfesselungspakete im Sommer 2019 verabschiedeten kiesindustriefreundlichen Neuregelungen zur Versorgungssicherheit und Bedarfsermittlung im Landesentwicklungsplan angekündigt. Deren Ausgang hätte auch Auswirkungen auf den Düsseldorfer Regionalplan. Denn der muss jetzt aufgrund  „der entfesselten Landesplanung“ früher als vorgesehen durch eine neue BASB-Planung geändert werden. Zu erwarten ist ein aufwändiges und politisch kontroverses Verfahren.

Denn eine sachliche Gesprächsgrundlage zwischen der niederrheinischen Kiesindustrie und den Bürgerinitiativen des Niederrhein-Appells existiert offenbar nicht mehr. Zu der vom RVR am 8. Oktober 2019 im Kreishaus Wesel veranstalteten  „Abgrabungskonferenz der Rohstoffgruppe Kies/Kiessand“ hatten die Initiativen eine Alternativveranstaltung in Kamp-Lintfort organisiert. Hauptforderungen: Mehr Einsatz von Recyclingmaterial und alternativer Baustoffe, eine Bedarfsberechnung, die sich nicht mehr an den abgegrabenen Mengen der Vorjahre orientiert und den Kiesexport ausschließt und der Aufbau einer Forschungseinrichtung zur Substitution von Kies und Sand.

Unter dem Tagesordnungspunkt „Heimat schützen – Kiesabbau am heimischen Bedarf ausrichten“ hatte der NRW-Landtag nach einer emotionsgeladenen Debatte am 23. Mai 2019 einen ähnlich lautenden Entschließungsantrag mit den Stimmen von CDU und FDP abgelehnt. 

Ein Teilnehmer des Grenzlandgrün-Abends kam aus den Niederlanden. Er arbeitet dort für die Kiesindustrie und lobte die dortige integrierte und an „Cradle to Cradle“ – Kriterien ausgerichtete Kiesabbau-Planung. Schließlich seien nicht überall Seengebiete wie die Maasplassen bei Roermond möglich. Sickelmanns Antwort: Die nachhaltigen Kiesplanungen in den Niederlanden finden auf Kosten des Niederrheins statt.“ 

Die bundesweite Exportrate für Kiessande beträgt nach Angaben des Bundesverbandes Mineralische Rohstoffe (MIRO) ca. 4,3%. Laut statistischem Bundesamt sind es ca. 6%. Experten schätzen, dass mehr als 30% der niederrheinischen Kiesproduktion in die Niederlande exportiert werden. Die Initiative der Sand- und Kiesindustrie „Zukunft Niederrhein“ spricht von 20%. 

In der Kiesdebatte des Landtags machte Henning Rehbaum (CDU) deutlich, dass es der Politik nicht nur um Bedarfssicherung für die eigene Infrastruktur, sondern auch um den lukrativen Export geht: „Wenn Nordrhein-Westfalen keine Rohstoffe mehr ins Ausland abgibt, darf Nordrhein-Westfalen konsequenterweise auch keine Rohstoffe mehr aus dem Ausland annehmen: keine Orangen aus Spanien, keine Baumwolle aus Griechenland, keinen Reis aus Italien.“ 

Orangen und Reis wachsen schneller nach als Kies und Sand. Die im Mai 2019 veröffentlichte Studie Sand and Sustainibility“  des UN-Umweltprogramms macht die globale Dimension des Kies- und Sandproblems deutlich. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre habe sich die weltweite Nachfrage nach Sand und Kies verdreifacht und steige derzeit jährlich um 5,5%. Gründe seien die wachsende  Weltbevölkerung und der Bauboom. Um die Öksosysteme vor zu starkem Sand- und Kiesabbau zu schützen, fordert die UNEP eine klare Regulierung und nachhaltige Bewirtschaftung dieser Rohstoffbestände. Außerdem müsse die Gesellschaft über Alternativen nachdenken. 

Product mining, Fragmentierung und das Ende der Entsorgung

Einer,  der mit Leidenschaft und mit viel Know how über Alternativen nachdenkt, ist der Bergbauingenieur und Abfallwirtschafts- und Recyclingexperte Dr. Helmut Spoo. Er betreibt in Aachen ein Umweltberatungsbüro mit den Schwerpunkten Kreislaufwirtschaft (Rohstoffrückgewinnung/Circular Economy), Arbeitsschutz/Gefahrstoffe sowie Managementsysteme (u.a. für Qualität, Umwelt- und Arbeitsschutz).Und wie das VHS-Grenzlandgrün-Publikum erfahren konnte,  kommen ihm beim Themenfeld Kreislaufwirtschaft/Rohstoffe diese drei Perspektiven für Nachhaltigkeits- Analysen zu gute. „Der Bau von Gebäuden und Straßen macht 60% des weltweiten Materialverbrauchs, 35 % des Energieverbrauchs, 35% der Emissionen aus. Jährlich fallen in Deutschland 223 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an. Über die wird viel weniger gesprochen als über die 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll.“ 

Weltweit werden jährlich drei Milliarden Tonnen Zement produziert. Dies erzeuge 7% der CO2 – Emissionen. Dr. Spoo: „Das ist drei Mal so viel CO2 wie durch den gesamten Flugverkehr entsteht.“ Die durch die Zementherstellung erzeugten CO2-Emissionen stammen hauptsächlich aus dem benötigten Brennstoff und dem Calcinieren des Kalksteins (thermische Zersetzung des Calciumkarbonates in Calciumoxid unter Freisetzung des CO2).

Der dadurch beschleunigte Klimawandel mit seinen Extremwettersituationen sorge für erhebliche wirtschaftliche Schäden. Deren Beseitigungskosten werden für die Versicherungen unbezahlbar. Dr. Spoo fordert als Ausweg eine schnelle Dekarbonisierung der Wirtschaft, eine drastische Reduktion fossiler Brennstoffe, einer Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz und deutlich mehr Recycling, "und zwar hochwertiges Recycling". „Wir müssen schnellstmöglich das Auslaufmodell Linearwirtschaft hinter uns lassen und auf eine zirkuläre Ökonomie umschwenken.“ Das alte Modell „Rohstoffe abbauen – Produzieren – Konsumieren – Entsorgen“ habe keine Zukunft mehr, denn „auch unsere wirtschaftsstrategisch wichtigen Rohstoffimporte unterliegen dem globalen Verfügbarkeits- und Preisproblem.“ 

Der Stoffkreislauf für die in Deutschland jährlich anfallenden 50 – 60 Millionen Tonnen Altbeton müsse geschlossen werden. Die derzeit übliche Verwertung im Straßenbau reiche bei weitem nicht aus. Dr. Spoo: „Bislang gibt es noch kein großtechnisches Verfahren, um aus Altbeton wieder hochwertige Zuschläge und Rohstoffe für die Zementproduktion zu gewinnen.“ 

Doch es gibt innovative Verfahren zur Verbundtrennung. Zum Beispiel die elektrodynamische Fragmentierung.  Das Verfahren hat Dr. Spoo vor mehr als 10 Jahren im Forschungszentrum Karlsruhe kennengelernt. Am dortigen Institut für Hochspannungstechnik wurden in Zusammenarbeit mit der Schweizer Ammann AG die physikalischen Grundlagen für die Trennung des Verbundes Beton mittels Hochspannungsimpulsen erarbeitet und eine Anlage errichtet, mit der erfolgreiche Trennversuche durchgeführt wurden. Die Schweizer SELFRAG in Kerzers (Kanton Fribourg), eine Ausgründung der Ammann AG entwickelte das Verfahren zur Praxisreife weiter.

Bei dem Verfahren wird über einen sogenannten Marx Generator, der bereits in den 1950er Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurde, eine Kaskadenschaltung von Kondensatoren, eine Hochspannung von 200 – 300 kV erzeugt, die in Form von sehr kurzen Pulsen in den Beton eingeleitet wird. Dadurch wird der Verbund Beton getrennt, und Kies und Zement werden freigelegt – liberiert.  

Das Trennverfahren nutzt die unterschiedlichen Durchschlagsfestigkeiten von Wasser und Beton bei ultrakurzen Pulszeiten (< 500 ns). Die Eckdaten der elektrodynamischen Fragmentierung überzeugen: Hohe Qualität des recycelten Materials als Zuschlagsmaterial für Betonherstellung und als Rohstoff für eine Zementherstellung mit weniger CO2 – Emissionen, eine Kiesfestigkeit, die in nichts dem Originalmaterial nachsteht, teilweise sogar besser ist, ein mit 2,3 Kilowatt pro Tonne überraschend geringer Energieverbrauch durch die zeitlich kurzen Impulse im Nanosekundenbereich und ein staubfreies Verfahren, da der Trennungsprozess im Wasserbad stattfindet. Der zurückgewonnene Kies sieht  so  Dr. Spoo „wie neu“ aus.    

In verschiedenen Fernsehsendungen, bei der Europäischen Ressourcenkonferenz und jüngst im Düsseldorfer Regionalrat hat Dr. Volker Thome vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen das Verfahren vorgestellt. 


Die elektrodynamische Fragmentierung eignet sich auch für das Auftrennen anderer nicht leitender Materialien, z.B. Müllverbrennungsaschen,  Zündkerzen oder Glühlampen wie Dr. Spoo aus eigenen Untersuchungen weiß. 

Das Fraunhofer Institut für Bauphysik hat vor einiger Zeit eine SELFRAG-Laboranlage angeschafft und arbeitet unter anderem daran, die zementtechnischen Voraussetzungen für den Wiedereinsatz des zurückgewonnenen Zementes im Zementwerk zu schaffen. 

Sowohl Dr. Spoo als auch Fraunhofer sind mit möglichen Investoren in Kontakt. Ihr Ziel: Planung und Errichtung einer großtechnischen Anlage zum hochwertigen Recycling von Beton und auch anderen Produkten/Abfällen.  

Laut  Fraunhofer ist für 2020 eine Ausgründung mit drei Industriepartnern vorgesehen. Ziel: den Durchsatz von derzeit einer Tonne pro Stunde auf 20 zu erhöhen. Die erste verkaufsfertige Anlage mit drei Tonnen pro Stunde soll 2021 erhältlich sein.  

Dr. Spoo plant im Rahmen des Strukturwandels im Rheinischen Braunkohlenrevier die Errichtung eines Rohstoffrückgewinnungszentrums und den Einsatz der elektrodynamischen Fragmentierung. 

Dr. Spoo verweist auf andere Unternehmen. Die „Heinrich-Feeß GmbH & Co KG“ mit ihren Qualitäts-Recycling-Baustoffen erhielt 2016 den Deutschen Umweltpreis für Betonrecycling. Das Fraunhofer-Institut für Silikatforschung setzt in seinem Technikum in Alzenau eine Anlage ein, die nach dem Prinzip der  Elektrohydraulischen Fragmentierung arbeitet. Die Dresdener Firma Impulstechnik hat dieses Verfahren zum energieeffizienten Aufschluss von Wertstoffen - zum Beispiel aus Solarzellen, Batterien, Kunststoffen oder Elektronikschrott -   entwickelt. Bei diesem Verfahren wird der Hochspannungsimpuls (lediglich 20-30 kV) nicht in den Festkörper, sondern in das Wasser eingeleitet. Dabei entstehen Schockwellen, die Verbunde an der Phasengrenze auftrennen.

© Europäische Kommission

Dr. Spoo: „Wir müssen umdenken. Entsorgen ist der falsche Begriff. Denn die Sorgen sind mit ihm nicht weg, sondern fangen dann erst an.“ Alternativen hat Dr. Spoo in mehreren Artikeln beschrieben. Seine Vision ist ein industrielles „Product mining“ mit effizienter Sammlung und Logistik, mit Rechtsgrundlagen, die die zirkuläre Ökonomie unterstützen, mit innovativen Trenn- und Sortiertechniken, mit Qualitätsmanagement und Gewinnchancen. Realisieren ließe sich eine Musterregion für Kreislaufwirtschaft im Rheinischen Braunkohlenrevier. Dr. Spoo: „Abfälle sind die Rohstofflagerstätten der Zukunft.“ 

Lehm – fast überall verfügbar und häufig übrig

Dass sich auch ein Blick in die Vergangenheit lohnen kann, macht Maximilian Breidenbach in seiner Präsentation deutlich. Er hat Betriebswirtschaftslehre und Management studiert und arbeitet als Bereichsleiter Logistik und IT bei Claytec, dem exklusiven mittelständischen Unternehmen für Lehmbaustoffe. Begründet hat es sein Vater Peter Breidenbach, der das Unternehmen bis heute führt.  Peter Breidenbach stammt aus der in Viersen bekannten Architektenfamilie und entwickelte so einen starken Bezug zum traditionellen Bauhandwerk und zur Denkmalpflege. 

Lediglich 60.000 Tonnen Lehm werden in Deutschland verarbeitet, die Hälfte davon von der Firma Claytec. Breidenbach schätzt, dass dennoch etwa 2/3 der Menschheit in Lehmbauten leben. Der „älteste Baustoff der Welt“ sei „nahezu überall verfügbar“ und „häufig übrig“, zum Beispiel bei Aushüben und im Straßenbau. „Das spricht für eine lokale Produktion.“ Lehm lasse sich „eigentlich ewig“ wiederverwenden, binde Schadstoffe, verzichte auf chemische Zusatzstoffe, sehe schick aus und werde klimafreundlich mit geringem technischen Aufwand verarbeitet. Lehm ist ein nachhaltiger Baustoff. Ein spezielles „Cradle to Cradle“ – Design sei nicht erforderlich. Breidenbach: „Eigentlich will ich für die Ewigkeit bauen und keine Rücknahmeverträge unterschreiben.“ 

© Dieter Schütz - pixelio.de

Aber es gibt auch technische Grenzen beim Bauen mit Lehm. „Hochhäuser oder extravagante Architektur funktionieren nicht mit Lehm.“ Daher gelte Lehm als nicht mehr modern, als rückständig oder „Arme-Leute-Baustoff“. Die Folge: das Wissen über Lehmbautechniken schwindet. 

Dennoch erlebe Lehm seit 35 Jahren eine langsame Renaissance, nicht nur bei der Fachwerksanierung ,sondern auch im Innenausbau . Denn dort überwiegen seine Vorteile beim Schallschutz, der Wasserdampfabsorption, bei der Innendämmung oder den CO2 – Emissionen.  

Neben der Verwaltung in Viersen-Boisheim und der Produktion in Viersen verfügt Claytec über Produktionsstätten in der Mageburger Börde und im Westerwald sowie über Auslieferungslager in Nordhessen und Franken. Claytec-Produkte sind in Deutschland flächendeckend, an vielen Orten Europas oder auch online erhältlich. Die Palette reicht vom Lehmunterputz mit Stroh über den schicken Farbputz, den Klebemörtel, den Fugenfüller, dem  Lehmanstrich, der Lehmbauplatte mit Schilfeinlage, dem Lehmstein für tragendes Mauerwerk oder die Lehm-Terazzo-Platte für individuelles Raumdesign. 

Ansprechend sind Breidenbachs Referenz – Bilder. Ob Holistic-Living-Wohnhäuser in Berlin, die Ökowohnbox, ein Wohnhaus in Reichenow, die Alte Knopffabrik in Rosenheim, das Wellness-Center in Seoul, das Kolumba Museum in Köln, das Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit in Rosenheim oder das Fort AL Jahili in Abu Dhabi. Alle zeigen, dass Lehm alles andere als ein unmoderner Baustoff ist. 

Holz -  Alle 60 Sekunden wächst ein Stockwerk nach 

© bagal - pixelio.de

Häufig kommt der Baustoff Lehm in Kombination mit Holz zum Einsatz. Markus Steppler, Vertriebsleiter der Derix-Holzbau ist von der Zukunft des Baustoffs Holz überzeugt. „Er ist der einzige Baustoff mit hervorragenden Materialeigenschaften, bei dem alle 60 Sekunden in Deutschland ein Hausstockwerk nachwächst.“ In Deutschlands Wäldern wachse mehr Holz nach als geerntet wird. Die Waldfläche nehme deutschlandweit um 5000 Hektar pro Jahr zu und jede Sekunde wachsen 4 Kubikmeter Holz nach. „Dies gilt leider nicht für den Planungsraum Düsseldorf“, wendet Ute Sickelmann ein, „aber für den RVR“, ergänzt ein Grenzlandgrün-Teilnehmer. Markus Steppler erinnert an von Carlowitz der vor 300 Jahren die „beständige und nachhaltende Nutzung“ des Holzes für eine „unentbehrliche Sache“ hielt. Dies gelte heute noch mehr als damals. 

„Wenn wir so weiter machen wie bisher, haben wir im Jahre 2030 am 28. Juni unser Ressourcenbudget verbraucht und am 16. September unser CO2 –Budget ausgeschöpft.“ Stichwort. Earth Overshoot day. Im Juli 2019 veröffentlichte die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich eine Studie, die das enorme Potenzial beschreibt, das eine weltweite Aufforstung von Wäldern für die Reduktion des klimagefährlichen Kohlenstoffs in der Erdatmosphäre hat. Markus Steppler verweist auf Professor Dr. Franz-Josef Radermacher. Er sei überzeugt, dass wir mit einer Interimslösung Aufforstung „wertvolle Zeit für die notwendigen Anpassungen in Technik, Politik und Kultur“ gewinnen, „um die Katastrophe aufzuhalten.“ 

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft fordert: „Wir müssen mehr Holzhäuser bauen.“ Die Rheinische Post meldet: „In den vergangenen 25 Jahren hat sich der Anteil der Holzbauweise in Deutschland verdreifacht, Trotzdem liegt der Anteil nur bei 18 Prozent.“ Markus Steppler ergänzt: „Im Norden von Deutschland und in den großen Städten hat der Holzbau noch deutlich Nachholbedarf.“ 

Der Energieaufwand beim Holzbau ist gering.  „Zur Herstellung eines Kubikmeters Bauholz sind 20 Kilowattstunden erforderlich. Das ist deutlich weniger als beim Beton mit durchschnittlich 150, beim Stahl mit 520 oder beim Aluminium mit 800 Kilowattstunden.“ 

Derix arbeitet „vielschichtig“. Das Unternehmen hat sich auf Brettsperrholz und Brettschichtholz spezialisiert. Die Derix-X-Lam-Bauelemente aus Brettsperrholz nutzen die Keilzinkung, werden in Lagen verklebt, mit CNC-Maschinen zugeschnitten. Was Markus Steppler mit ein „bisschen wie Kuchenbacken“ erklärt, kann Mauerwerke, Beton und Filigrandecken ersetzen. 

Auch seine Präsentation von Referenzgebäuden ist überzeugend. Dass besonders ansprechende Gebäude in den Niederlanden stehen, ist wohl kein Zufall. Dort stützt sich die Bauordnung weniger auf konkrete Vorschriften und mehr auf Ziele und Richtwerte. Sie ist damit offener für Innovationen. Wie Energie eingespart oder der Schallschutz realisiert wird, bleibt den „Bauherren“ überlassen. Markus Steppler: „In Amsterdam waren alte geschredderte Jeans das Basismaterial für den Schallschutz.“ 

Zurück zur Vernunft mit Akzeptanz und neuem Denken 

Ähnliches gilt für Recyclingbaustoffe. Sie stoßen in Deutschland bei öffentlichen und privaten Kunden auf geringe Akzeptanz, offenbar weil sie mit „Abfall“ assoziiert werden. Bernd Zaum vom Abbruchunternehmen Prangenberg und Zaum bestätigte in einem Grenzlandgrün-Vorgespräch, dass er immer mehr RCL-Baustoffe in die Niederlande verkaufe. Dort gäbe es schon Baustoff -Makler, die das Material gewinnbringend per Zug oder Schiff in die Niederlande transportieren lassen. 

Dr. Spoo ist überzeugt, dass die derzeitigen statistischen Recycling-Quoten in Deutschland „erstunken und erlogen“ sind. „Wenn bei der Kostenverteilung das Verursacherprinzip mehr zur Geltung käme, sähe der Markt für Sekundärrohstoffe wahrscheinlich anders aus.“ 

Fazit des VHS-Grenzlandgrünabends: Das immer noch vorherrschende lineare Ressourcendenken in der Kiesindustrie und Bauwirtschaft ist unvernünftig, weil es die Belastbarkeit der Erde überschreitet. Aber es gibt Alternativen.  Betonrecycling, Holz- und Lehmbau sind drei davon, die mit unterschiedlichem Gewicht zum Tragen kommen können. Entfesselt werden muss ein neues Denken beim Materialeinsatz. Neues Denken kann auch in der Rückbesinnung auf alte Traditionen entstehen. 

Wenn wir gleichzeitig menschliches Wohlbefinden sichern, die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts erhalten, volkswirtschaftliche Produktivität gewährleisten, die Vielfalt von Landschaft, Tieren, Pflanzen und Kulturgütern bewahren wollen, brauchen wir neben einer Energie-, Mobilitäts- und Ernährungswende auch eine schnelle Ressourcenwende. Die politische und gesellschaftliche Herausforderung ist immens, denn „kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft“. (Bert Brecht)            

UBA-Texte 72-2019 INSTRO 2
UBU 2019-07-04-texte_72-2019_instro-2.pdf (3.38MB)
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Kiesdebatte im Landtag NFRW
2019-05-23 Kiesdebatte im Landtag.pdf (362.89KB)
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Abgrabungsgesetz NRW
Abgrabungsgesetz NRW.pdf (187.24KB)
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Abgrabungsgesetz - Erlasse
Abgabungsgesetz Erlasse _ Landesrecht NRW.pdf (188.26KB)
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BGR-Rohstoffsituation 2017
BGR-Rohstoffsituation Deutschland 2017.pdf (3.1MB)
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