GRENZLANDGRÜN   
niederrheinisch - nachhaltig 

GRENZLANDGRÜN✂SCHNITT  Nr. 151 -249


Samstag, 27. Dezember 2025

Jahresspiralblick

»Wie ein Wanderer nach anstrengendem Marsch kurze Rast macht, um rückwärts zu schauen, so halten auch wir heute […]  inne. Ein kleine Weile nur. Dann aber wieder heißt’s rüstig und unversäumt weiterschreiten. […] Zwischen den Festen, zwischen Weihnachten und Neujahr liegt die große Besinnungspause, liegt der Übergang vom Alten zum Neuen, mit dem ersten Tage des neuen Jahres aber will der Mensch den Blick wieder nach vorwärts, in die Zukunft richten.«
Die Wacht vom 31. Dezember 1925

»Wer nach vorne schaut, sieht sich selbst von hinten rennen, denn der Fortschritt kommt im Kreisverkehr, und die Zukunft wird müde vom Warten. In den Zeitfalten zwischen den Jahren erzeugen das Gewesene, das Gegenwärtige und das Kommende bunte Kreise, Spiralen und Schleifen…«
Heinikki Fattilverkare am 27. Dezember 2025


Samstag, 20. Dezember 2025

Mitweltmut

»Es greift die Erkenntnis um sich, dass alle Ressourcen, von deren Begrenztheit seit 50 Jahren die Rede war, sich letztlich eine Grundlage teilen: den Boden. Nur wenn dieser sich regenerieren kann, können das auch alle anderen. […] Gut möglich, dass es nun verstärkt um Trauerarbeit geht: um den Abschied von den Fantasien einer unberührten Natur genauso wie von den Fantasien menschlicher Gestaltungsmacht und unbegrenzten Wachstums.  […] Dann träten wir wirklich in ein neues Zeitalter ein, auf das uns niemand vorbereitet hat. Das Einzige, was uns dann helfen kann, die Füße auf dem Boden zu halten, ist eine Verwurzelung mit unseren Nächsten und eine Verpflichtung auf das Wohlergehen aller Lebewesen, im Notfall unter Absehung von uns selbst.«
Kolja Reichert: Wie man mit beiden Füßen auf den Boden kommt. 2025 - Bild: Jürgen auf pixabay



Samstag, 13. Dezember 2025

Weltkriechkante

»Die NATO und Russland nähern sich einem direkten Konflikt. Der Kreml hat die NATO als im Krieg mit Russland bezeichnet, obwohl keine der beiden Seiten offiziell den Krieg erklärt hat.«
Putin-Knall am Montag erwartet: ‚Große Probleme‘ – Trump warnt vor NATO-Russland-Eskalation. Fuldaer Zeitung vom 4. November 2025

»In einer dramatischen Rede hat Nato-Generalsekretär Mark Rutte davor gewarnt, dass sich die Konfrontation mit Russland zu einem dritten Weltkrieg ausweiten könnte. „Wir sind Russlands nächstes Ziel“, sagte der Niederländer auf einer Veranstaltung der Münchner Sicherheitskonferenz in Berlin. Ein russischer Krieg gegen Europa könnte ein Ausmaß der Zerstörung erreichen, „wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben“. Es könnte zu einer „Massenmobilisierung“ kommen und „Millionen von Vertriebenen“ geben, „extreme Verluste“ seien möglich.« 
Moritz Koch, Dana Heide: „Wir sind Russlands nächstes Ziel“. Handelsblatt 12. Dezember 2025

»Das Risiko mit der höchsten Wahrscheinlichkeit ist ein schwerer Angriff auf kritische Infrastrukturen der EU. Hybride Kriegsführung wird für das kommende Jahr als die größte Bedrohung der EU und als Risiko mit den größten Auswirkungen eingeschätzt.«
Veronica Anghel (European University Institute) in der WELT vom 12. Dezember 2025

»Die Tech Bros haben die gemeinsamen Wohnzimmer der Gesellschaft geleert und dafür gesorgt, dass jeder unberührt und einsam in seinem digitalen Kabuff lebt. […] Vielleicht ist genau das die Frage, die zum dampfenden Tee auf das Sofa gehört. Die wieder verbindet. Denn warum sollen ein paar wenige superreiche Egomanen für uns entscheiden, was die nächste evolutionäre Stufe der Menschheit ist?«
Maja Göpel: Attacke auf unsere Menschlichkeit. Futur Zwei Nr. 35


Samstag, 6. Dezember 2025

Streitveredelung

»Dass Gerichte […] meist die Grundrechte gegen eine übergriffige Exekutive verteidigen, ist gut, genügt aber nicht, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Wirkungsvoller und auf Dauer verlässlicher wäre es, es würde sich die einfache wie schmerzhafte Einsicht durchsetzen, dass die Grundrechte unteilbar sind. Dass die Meinungsfreiheit auch für Ansichten gilt, die man selbst für „unerträglich“ hält. Das würde niemanden von Kritik freistellen, aber den demokratischen Streit in ein Ringen um das bessere Argument überführen, das den Konflikt nicht scheut, aber eins nur im absoluten Ausnahmefall kennt: das Verbot.«
Deniz Yücel: Wenn die Exekutive Recht und Moral verwechselt. DIE WELT vom 2. Dezember 2025

»Sobald man sich auf den konservativen Diskurs über "unsere Werte" einlässt, hat man schon verloren. Dann beteiligt man sich, wissentlich oder nicht, an der Schaffung eines Vakuums. Und jedes Vakuum wird sich füllen. Mit was es sich dann füllen könnte, das ist immer die Gefahr (siehe: deutsche Geschichte).«
Robert Zion am 6. Oktober 2015 auf Facebook


Samstag, 29. November 2025

Weißzeitweisheit

Lebensendklang: »Am Ende eines politisch eher begünstigten politischen Lebens fällt mir die trotz allem beschwörende Schlussfolgerung nicht leicht: Die weitere politische Integration wenigstens im Kern der Europäischen Union war für uns noch nie so überlebenswichtig wie heute. Und noch nie so unwahrscheinlich.« 
Jürgen Habermas (*1929) in der SZ vom 21. November 2025

Spätoptimismus: »Fatalismus wäre fatal, denn das hieße, einer self-fulfilling prophecy zu verfallen, es also genauso kommen zu lassen, wie man es gerade nicht will. Die Zukunft ist offen, jedenfalls viel offener, als uns die Kulturpessimisten einreden wollen.«
Heinrich-August Winkler (*1938) in der ZEIT vom 20. November 2025

Altersgelassenheit: »Wenn Sie in meinem Alter Zukunftsangst haben…so what? Woraus besteht die Zukunft eines 77-Jährigen?«
Joschka Fischer (*1948) im SZ-Magazin vom 21. November 2025

Weißzeitweisheit: »Weißzeitweisheit ist die Kunst, gleichzeitig Recht zu haben und sich nicht darüber freuen zu können. Denn die Zukunft ist offen, aber nicht, wenn sie von Visionsverwalter*innen gestaltet wird, die ihre eigenen Gehäusetüren nicht mehr aufbekommen.« 
Heinikki Fattilverkare am 28. November 2025  auf „Grenzlandgrün“ 

Bild: KI-generiert


Samstag, 22. November 2025

Verlammnis

»Schafe gestalten Freiräume mit Weitblick und hohem ästhetischen Wert. […] Schafe tragen auch dazu bei, Saatgut zu verbreiten und die genetische Vielfalt zu erhalten. Sie tragen Samen und kleine Organismen in ihrem Fell mit sich, wenn sie von einem Ort zum anderen wechseln. […]
Während das ursprüngliche, wilde Schaf noch Haare hatte, wurde das dauerhafte Schaffell erst durch Menschenhand gezüchtet. Ab diesem Zeitpunkt kam kein Schaf mehr ungeschoren davon. […]
Dem Schaf werden Attribute wie Unschuld und Fruchtbarkeit zugeordnet. Vom „Lamm Gottes“ bis zum „guten Hirten“ hat die Schafsymbolik im Christentum hohe Aussagekraft. Auch innerhalb der fernöstlichen Tierkreiszeichen steht das Schaf sowohl für Sanftmut und Sensibilität als auch für Unsicherheit und Abhängigkeit. […]
Umweltamt der Stadt Nürnberg: Faszination Schafe. 2017

»Wir wuchsen in Schafstrukturen.
Die anschließenden Nachbarn stießen an ihre floralen Grenzen.«

Claudia Gabler. Wohlstandshasen. 2015

»Ungewaschene Schafwolle eignet sich als hochwertiger Langzeitdünger für Gemüse, Obst und Zierpflanzen.«
Umweltamt der Stadt Nürnberg: Faszination Schafe. 2017

»Wer in Verdammnis fällt, prallt hart auf den Boden der Tatsachen. Wer sich der Verlammnis hingibt, versöhnt durch Blöken und landet in der weichen Wolle der Schafstrukturen.«
Annika Tanoeiro am 21. November 2025 auf ‚Grenzlandgrün‘

Samstag, 15. November 2025

Tierfreiwohl


»Tiere wandeln Nahrung […] sehr ineffizient in das um, was wir konsumieren: Fleisch, Milch und Eier. Für ein effizienteres Ernährungssystem muss man das Tier aus der Gleichung entfernen. Man muss etwas entwickeln, das sich wie ein tierisches Produkt verhält, aber ohne Tier.«
Corjan van den Berg (Revyve) am 12. November 2025 auf change.Inc

»Sobald wir auch den materiellen Charakter des Daseins, den Raum, ernst nehmen und nicht nur Begriffe wie Freiheit oder Zeit, begreifen wir, dass Gerechtigkeit in allererster Linie eine Frage des Teilens von ‚Nahrung‘ mit den übrigen Lebewesen ist. Mit ‚Nahrung‘ ist all das gemeint, wovon wir leben. Sie umfasst die Nahrungsmittel im engeren Sinne, die Luft, das Wasser, die Umwelt, und verweist auf den engstens mit dem Leben verbundenen Gedanken des Reifens. Da wir Wesen aus Fleisch und Blut sind und unsere Existenz von Stofflichkeit und Schwere geprägt ist, stößt unser Leben allenthalben auf die Existenz der anderen Lebewesen.[…]
Entscheidend ist hier, dass jeder darüber nachdenkt, wie er die Sache der Tiere auf der Grundlage seines Wissens, seiner Erfahrung, seiner Fähigkeiten, seiner Stellung und seiner Verbindungen voranbringen kann.«

Corine Pelluchon: Manifest für die Tiere. München 2020


Samstag, 8. November 2025

Fugenflimmern


»In Leipzig fand am Reformationstag ein außergewöhnliches Musik-Ereignis statt: Im Rahmen des Projekts "Gravity Bach" spielte Thomasorganist Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach in einem Durchlauf. […] Es erklangen mehr als 200 Werke, darunter Choralbearbeitungen, Partiten, Präludien und Fugen.«
Tagesschau vom 1. November 2025

»Wenn es draußen schon so heiss ist, dann hilft vielleicht das wohltemperierte Klavier.«
Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary. Frankfurt am Main 2025

»Am liebsten spielte er aus dem ‚Wohltemperierten Klavier‘ das großartige Es-Moll-Präludium mit Fuge im ersten Band, dessen Harmonien und Linien mich heute noch berühren wie Geisterstimmen aus dem Jenseits, und die in kleinem Umfang die Geheimnisse einer ganzen Persönlichkeit samt ihrem Schicksal enthalten.«
Jakob Schaffner: Johannes. 1922

»Wenn es draußen so richtig kalt ist, hilft vielleicht ein heißes Gedicht zum Aufwärmen.«
‚Gedichtezauber‘ am 30. Dezember 2024

»Sie hatte an dem ‚Wohltemperierten Klavier‘ vermutlich für Monate genug.«
Wilhelm Heinrich Riehl: Durch tausend Jahre. 1874

»Bach ist immer eine gute Idee. […] Bach bringt die Welt ins Gleichgewicht. […] Manchmal habe ich das Gefühl, wir schlafwandeln durchs Leben und nehmen die unendliche Schönheit um uns herum gar nicht wahr.«
Víkingur Ólafsson im SZ-Magazin vom 7. November 2025

Samstag, 1. November 2025

Zwischentonstörung

»Wir führen keine Debatten mehr, wir veranstalten moralische Kostümfeste, und der Ablauf folgt stets derselben Dramaturgie: Einer provoziert, die Gegenseite hyperventiliert – und die Substanz bleibt auf der Strecke.«
Nikolaos Gavalakis: Deutschland leistet sich die dümmsten Debatten. TAZ am 27.Oktober 2025

»In Zeiten von großer Unsicherheit und zunehmendem Autoritarismus sollten wir viel öfter total danebenliegen. Wir sollten auf hitzige Debatten setzen, die völlig aus dem Ruder laufen, und nicht auf gute Diskussionen, die niemand interessieren. Wir sollten uns komplett verrennen, weil wir vielleicht nur so den Ausweg finden, den wir suchen.«
Rafaela Roth: Plädoyer für mehr Vulgarität. NZZ am Sonntag Magazin vom 26. Oktober 2025

»Es kündigt sich eine weitere Spaltung unserer multipel gespaltenen Gesellschaft an. Nach Ost gegen West, links gegen rechts, geimpft gegen ungeimpft, arm gegen reich sowie Wurst gegen Tofu und Elektro gegen Verbrenner gibt es jetzt auch ein Töchter-Stadtbild und ein Söhne-Stadtbild. Beide gilt es miteinander zu versöhnen. Da tun sich für Töchter und Söhne ganz neue Berufsfelder auf wie Stadtbildbauer, Stadtbildbearbeiter und Stadtbildgleichstellungsbeauftragte, die alle in der Stadtbildstörungsstelle arbeiten können.« 
Hans Zippert: Zippert zappt. WELT vom 28. Oktober 2025


Samstag, 25. Oktober 2025

Fragilkraft

»Hoffnung erfordert das Aushalten des Negativen und das Erkennen der extremen Ungewissheit, in der wir uns befinden. Gerade ausgehend von dieser extremsten Ungewissheit und der größten Fragilität, können wir Mögliches erkunden, uns Unterstützung holen, Bündnisse aufbauen und Ressourcen finden. Damit die Vorstellungskraft eine Verbündete ist und dabei hilft, vorauszuahnen, was heute unmöglich erscheint, morgen aber das Leben verändern könnte, ist es unerlässlich, dass die Vernunft […] der Welt zuhört: ihrem Geschrei, ihren Schwierigkeiten und ihren ungeahnten Reichtümern.«
Corine Pelluchon: Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe. 2023

»Es fehlt an Reife. Wir tun uns schwer damit, unsere eigenen Grenzen und Zwänge anzuerkennen. Eine reife Gesellschaft wüsste um ihre Begrenztheiten. Reif in diesem Sinne können nur Demokratien sein. Sie können sich selbst inventarisieren und fragen: Was wollen wir bewahren, worauf können wir verzichten? […] Eine reife Gesellschaft bedeutet, dass man von der Endlichkeit ausgeht, von Zwängen, von planetarischen Grenzen, das man das Wertvolle schätzt.«
Corine Pelluchon in der ZEIT vom 16. Oktober 2025


Montag, 20. Oktober 2025   

Sinnverwehung

»Und dann stellt man fest, dass man trotz all des Wissens, trotz all der Erfahrung vorangegangener Generationen doch noch einmal wieder ganz von vorne beginnen muss und dass einen in tiefer Ratlosigkeit die Worte fehlen, mit denen man beschreiben kann, was unter unseren Augen vor sich geht. Die Begriffe, mit denen man die neuen Verhältnisse erfassen möchte, sind diesen nicht angemessen. Es verschlägt einem die Sprache für das, was geschieht. Das ist mehr als ein Mangel an Begriffen oder schriftstellerischem Talent, sondern das Wegbrechen eines Erfahrungshorizonts, in dem man groß geworden ist und wo alles, was man im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat, in Frage gestellt, entwertet scheint, ja in Trümmern liegt.  […]

Und es kommt mir so vor, als wären nun wir […] an der Reihe, noch einmal alles von Anfang an zu durchdenken, eine Art Bilanz und Prüfung einer Generation, die unwahrscheinliches Glück gehabt hat, und die nun sich unerhört schwertut, Abschied zu nehmen und sich auf den Krieg in Europa und alles, was damit zusammenhängt, einzustellen.«
Karl Schlögel am 19. Oktober 2025 in der Frankfurter Paulskirche


Samstag, 10. Oktober 2025
Grooveblockaden

»Es gibt ein Phänomen in Deutschland, was auf den Punkt bringt, wofür Deutschland musikalisch steht, und das findest du in keinem anderen Land der Welt: die Deutschen klatschen bei einem Viervierteltakt auf 1 und 3, wie man halt marschiert. Das verhindert […] den Hüftschwung. Der Rest der Welt klatscht auf 2 und 4, wie man halt tanzt.«
Johann Scheerer am 4. Oktober 2025 im Deutschlandfunk

»Mein Schlagzeuglehrer hat dieses auf 1 und 3 klatschen mal den "German Groovebreaker" genannt.«
@SmartAssGamer in der Kommentarspalte des „MusikTraining“ auf YouTube

»In Deutschland funktioniert nichts mehr. Das Genaue und Pünktliche gibt es nicht mehr. Besonders die Westdeutschen haben sich früher immer über die Südländer lustig gemacht, über dieses „domani, domani“, das Verschieben auf morgen. Und jetzt haben die Deutschen ein Problem. Vieles funktioniert genauso wenig wie in Italien, aber die Deutschen sind nicht so lässig. Sie sind uncool. […] Es gibt auch coole Deutsche. Resigniert, aber mit einer Grund-Ruhe. Gerhard Polt zum Beispiel.«
Dirk Stermann am 8. Oktober 2025 in der NZZ


Samstag, 4. Oktober 2025
Wertschmerzbefreiung

»Ein Stein kann wieder aufgebaut werden, aber ein Mensch kehrt nicht zurück.«
Walid in „Syrien vor der Wahl: Aleppo – zwischen Trauma und Wiederaufbau“, DLF
am 27. September 2025

»Es hat mich traurig und nachdenklich gemacht, dass viele offenbar das Gefühl hatten, sich dafür entschuldigen zu müssen, dass sie Menschen sind. Viele hatten ein schlechtes Gewissen, nicht so fit und leistungsfähig zu sein oder bei der Arbeit auszufallen. Der Wert des Menschen hat meist keine Lobby und versinkt hinter seinem Wert für die Wirtschaft. Das drückte mir von innen gegen die Haut und musste raus.«
Giulia Enders in der Rheinischen Post vom 25. September 2025

Samstag, 27. September 2025
Niemalsglanz

Die kommunale Zukunft im Grenzland erstrahlt im Niemalsglanz der Phrasen, die über sie in den letzten Wochen in Umlauf gebracht worden sind.

Wer zur Stichwahl geht, beweist den Mut, sich zwischen zwei farbigen Schatten des Niemalsglanzes zu entscheiden…

Der Niemalsglanz funkelt dort, wo das Auge aufhört, und der Traum beginnt. Er kann nicht vergehen, weil er nie begonnen hat. Daher ist es richtig und nichtig, sich auf eine Politik der Zukunft zu berufen, denn sie kommt nur, wenn sie im selben Augenblick verschwinden kann.

Samstag, 20. September 2025
Zerbröckelungskraft

»Deine Gedanken zerfallen jetzt wie eine Hochzeitstorte,
schwer von nutzlosen Erfahrungen, reich
an Argwohn, Gerüchten, Fantasien,
zerbröckeln in Krümel unter dem Messer
schierer Tatsachen.«

Adrienne Rich: Schnappschuss einer Schwiegertochter. 1986

»Zerbröckelung ist die optimistische Aufteilung eines Ganzen in unendlich viele neue Anfänge. Jeder Krümel ist ein potenzielles Universum.«
Annika Tanoeiro am 19. September 2025 auf ‚Grenzlandgrün‘


Samstag, 13. September 2025
Urnenflattern

»In der Lage, worin sich das Land gegenwärtig befindet, vielleicht am Vorabend einer ausgedehnten Krisis, möchte es nicht überflüssig sein, die Aufmerksamkeit unserer Mitbürger auf die Wichtigkeit der Kommunalwahlen zu lenken…«
Düsseldorfer Zeitung vom 8. Oktober 1839

»Die Wahlen zur Stadtvertretung sind nun endlich genehmigt und werden für die ersten Wochen die Gemüter der Bürgerschaft bewegen, sicherlich in viel stärkerem Maße als die Wahlen zur Nationalversammlung, da erfahrungsgemäß […] Kommunalwahlen stets weit mehr Interesse fanden. So ist auch mit Sicherheit anzunehmen, dass eine weit stärkere Wahlbeteiligung zu verzeichnen sein wird, werden doch bei der jetzigen Wahl auch die Frauen zum ersten Male im Kommunalwahlkampf ihr Wort mitzureden haben. Es ist von großer Wichtigkeit, dass die Wahl möglichst schnell ohne Aufenthalt und Störung vonstatten geht, sind doch in der Minute etwa drei Wähler abzufertigen, was wiederum nur möglich ist, wenn sich der Wähler genau über sein Verhalten klar ist.«
Neußer Zeitung vom 31. Oktober 1914

»Die Debatten über die […] Kommunalwahlen werden in unserem Blatt und der Düsseldorfer Zeitung so zahlreich und voluminös, dass wir unsere Herren Korrespondenten […] darauf aufmerksam machen müssen, dass wir künftig des Interesses unserer hiesigen Leser wegen nur noch die Mitteilung der bloßen Tatsachen in dieser Beziehung aufnehmen können.«
Düsseldorfer Kreisblatt vom 15. August 1846

»Das Urnenflattern ist der wahre Puls der Demokratie. Ein sehr unregelmäßiger Puls, der hin und wieder mal aussetzt.«
Heinikki Fattilverkare am 13. September 2025 auf ‚Grenzlandgrün‘

Samstag, 6. September 2025
Schrumpfgenuss

»Um wettbewerbsfähig zu bleiben und keinen Kompromiss beim Geschmack und der Qualität zu machen, passen wir das Gewicht einiger Milka-Tafeln an.«
Statement von Mondelez gegenüber der "Lebensmittelzeitung“ zitiert in "Bild" am 20. Januar 2025

»Mit unserer Mission ‚den richtigen Snack, für den richtigen Moment, richtig gemacht‘ treffen wir den Zeitgeist und gestalten die Zukunft des Snackings. […] Mit Neuheiten […] präsentieren wir Angebote für zusätzliche Verzehranlässe und inspirieren so Kategoriewachstum. […] Wir verfolgen konsequent unsere Nachhaltigkeitsstrategie. […]. Darüber hinaus unterstützen wir achtsamen Genuss mit ‚Mindful Snacking‘ « 
Team Lieblingsmarke: Mit Mondelez die Zukunft des Snackings gestalten. Anzeige in der "Lebensmittelzeitung" vom 18. August 2025

»Zehn Prozent weniger verzuckerte Kakaomasse, das könnten wir als Verbraucher mal anerkennen. Statt Mogelpackung müsste da „Jetzt noch gesünder“ stehen, und deshalb darf die Tafel auch ruhig mehr kosten. […] Die neue Tafel ist einen Millimeter dünner, damit sie die Länge der alten 100-Gramm-Tafel erreicht. Dadurch hat man das Gefühl, hundert Gramm gegessen zu haben, obwohl es nur neunzig waren. So überlistet man den Körper und erzielt einen spürbaren Gewichtsverlust.«
Hans Zippert: Milka-Schokolade hilft beim Abnehmen. "Welt" am 1. September 2025

»Weniger Kalorien - mehr Verzehranlässe: Schrumpfgenuss garantiert nachhaltige snackstainability und achtsamen Verzichtswohlstand.«
Johannes Kynep am 5. September 2025 auf ‚Grenzlandgrün‘
Bildquellen: K. Woi und pobloedine auf pixabay


Samstag, 30. August 2025

Wandelkraftquellen

»Eine Gesellschaft besteht nicht aus Gleichen, sondern aus Ungleichen. Damit sie den Zusammenhalt nicht verliert, ist es jedoch wichtig, dass Oben und Unten nicht zu weit auseinander driften und dass eine starke Mitte die verschiedenen Teile der Gesellschaft zusammenhält.« 
Bundeszentrale für politische Bildung: Mitte der Gesellschaft. Themenblätter im Unterricht Nr.89

»Die Erfahrung im Ministeramt sagt mir, dass die Gesellschaft vielleicht gar keine Mitte hat, sondern lauter Gruppen, die verschiedene Interessen artikulieren und die sich nur noch rhetorisch auf eine Gemeinsamkeit beziehen. Wenn es konkret wird, werten sie aber eigene lebensweltliche, materielle Interessen immer höher als das rhetorisch beschworene Gemeinsame.«
Ex-Vizekanzler Robert Habeck in der TAZ am 26. August 2025

»Ich habe die Fotosynthese miterlebt, den Tanz der Bienen, das Wachsen am Baum, die Ernte, und jetzt erlebe ich die wunderbare Transformation, die ihr als "Verfall" bezeichnen würdet. Wisst ihr eigentlich, was in mir gerade passiert? Während mein Äußeres schrumpft, explodiert mein Inneres vor Leben! Mikroorganismen feiern in mir die wildesten Partys. Ich bin kein Einzelwesen mehr – ich bin ein ganzes Ökosystem! […] Ihr behandelt mich wie ein Objekt, dabei bin ich ein ‚Du‘.«
Jean-Claude Sonnet: Grußbotschaft eines Apfels an das 4. "Resonanz-Labor im Garten" vom 7. Juni 2025

Bildquelle: Wahlplakat Miriam Auner (Bürgermeisterkandidatin für Schwalmtal 2025)


Samstag, 23.. August 2025

Altersexpansion

Sonnenuntergang.
Ein einsamer alter Baum
wächst in den Himmel.

Ernst Ferstl (*1955)


Samstag, 16. August 2025

Quantenkanzler

»Wir wollen unser Land zum Technologieführer bei Quantentechnologien machen.«
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst am 25. März 2024 in Siegen

»Ich verstehe die Quantenmechanik nicht. Dabei arbeite ich seit Jahren darüber. Aber das ist ziemlich verbreitet, denke ich.«
Gemma de les Coves (Departament d‘enginyeria der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona) bei der Tagung „100 Jahre Quantenphysik“ auf Helgoland – Ulf von Rauchhaupt: „Diese verdammte Quantenspringerei – FAZ vom 29. Juli 2025

»Ich liebe die Quantenmechanik dafür, dass sie so rätselhaft ist. Natürlich hoffe ich trotzdem, dass wir eines Tages dahinterkommen, was hier los ist.«
Robert Spekkens ( Perimeter Institute for Theoretical Physics im kanadischen Waterloo) bei der Tagung „100 Jahre Quantenphysik“ auf Helgoland – Ulf von Rauchhaupt: Diese verdammte Quantenspringerei – FAZ vom 29. Juli 2025

»Von Ursula von der Leyen ist eine wichtige Formel politischer Quantenmechanik überliefert. „Pro Generation wird immer nur einer Kanzler“, formulierte sie schon 2010 in der Zeit.« 
Volker Resing: Wie man CDU-Kanzler wird – und wie nicht. Cicero vom 5. Juli 2023

»In der Quantenmechanik wird Wirklichkeit auf Wahrscheinlichkeit reduziert. Der Zufall scheint eingeflochten in die Gesetze der Natur. Die Kausalität ist außer Kraft gesetzt; es gilt nicht mehr, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat.«
Johann Grolle: Heisenberg hat uns ein großes Quanten-Ei gelegt. SPIEGEL Nr. 20 vom 10. Mai 2025


Samstag, 9. August 2025

Rüstokratie

»Wir müssen jetzt ganz stark sein. Der Kapitalismus, wie wir ihn kannten, stirbt gerade vor unseren Augen. All diese Vorstellungen von „freier Marktwirtschaft“, „Wandel durch Handel“, „fairem Wettbewerb“, „unsichtbarer Hand“, „Angebot und Nachfrage“ oder gar „Wohlstand und Fortschritt für alle“ – vorbei. Aus ist es auch mit der verlässlichen Zweckgemeinschaft von Kapitalismus und Demokratie. […]

Auf die Ökonomisierung der Politik folgt die Politisierung der Ökonomie. Politische, ökonomische und mediale Macht verschmelzen zu etwas Neuem, wofür wir noch keinen Namen haben. Wie immer man es nennen mag, was da entsteht – es lässt nicht viel Gutes erhoffen für den Planeten Erde und seine Bewohner. 

[…] Für die neue Form von Staatskapitalismus […] öffnet sich derweil hierzulande unerwartet eine goldene Pforte: Rüstung! Staat und Wirtschaft machen sich voneinander abhängig und räumen sich gegenseitig Wege frei. Die Rüstungsindustrie muss die Lücken füllen, die der Zusammenbruch des liberalen Welthandelssystems erzeugt hat.«

Georg Seeßlen: Wer regiert uns?  - Die schockierende Wahrheit über die neue Macht der Superreichen. Der Freitag  vom 31. Juli 2025

»Rüstokratie ist ein diffuses erkenntnispolitisches Konstrukt für Erdenträumer*innen, die das Gefühl haben, alles zu verlieren, und dennoch so tun, als hätten sie alles im Griff, während das System sich selbst zu verschlucken scheint…«
Heinikki Fattilverkare am 8. August 2025 auf Grenzlandgrün


Samstag, 2. August 2025

Innovanzeritis

»Was werden sie einem jungen Menschen, der vielleicht in diesen Stunden geboren wird, […] in 25 Jahren sagen, wenn er zurückblickt und sich diese Pressekonferenz anschaut. Was ist ihre Botschaft an diese jungen Menschen der Zukunft, die sich mit den Folgen des Klimawandels befassen müssen?«
Auszug aus der letzten Frage von Michaela Küfner (Deutsche Welle) auf der Sommerpressekonferenz des Bundeskanzlers Friedrich Merz am 18. Juli 2025

»Wenn wir einen Beitrag leisten wollen zu diesem großen Problem, dann geht das nur, indem wir in Deutschland das zeigen, was wir in vergangenen Jahrzehnten immer wieder gezeigt haben, dass wir nämlich auf der Innovationsseite diejenigen sind, die für die Welt entsprechende Fortschritte ermöglichen.«
Auszug aus der Antwort des Bundeskanzlers Friedrich Merz zur Frage von Michaela Küfner am 18. Juli 2025

»Für’s Protokoll: Die letzte Fragerin wollte irgendwas mit Klima wissen. Scheint ein Feuilleton-Thema zu sein.«
Friedrich Küppersbusch in der TAZ vom 21. Juli 2025 zur Sommerpressekonferenz des Bundeskanzlers Friedrich Merz

»Die Märkte verlangen Bewegung. Im Feuilleton steht, dass mit der Kraft der  Innovanzeritis Räder konstruiert werden können, die sich nur drehen, wenn man selbst darunter liegt.«
Die zeitungslesende Olga Fattilverkare am 1. August 2025 auf der Parkbank in Seufzenruh                           


Samstag, 26. Juli 2025

Weltchefchen

»Laut einer neuen Umfrage unter Erwachsenen in mehr als 100 Ländern ist Deutschland zum dritten Mal in Folge die Weltmacht Nummer eins.«
Euronews am 27. Juli 2020

»Ich weiß, dass viele von Ihnen mehr deutsche Führung erwarten, als wir in den letzten Jahren gesehen haben.«
Friedrich Merz am 30. April 2025 in Valencia

«Aber darf ich mir einen Hinweis erlauben? Deutschland hat ungefähr 1 Prozent der Weltbevölkerung. Wir stellen ungefähr 2 Prozent des Problems dar, was CO2- Emissionen betrifft. Selbst wenn wir alle zusammen morgen in Deutschland klimaneutral wären, würde keine einzige Naturkatastrophe auf dieser Welt weniger geschehen…«
Bundeskanzler Friedrich Merz am 9. Juli 2025 im Deutschen Bundestag

»Teilte man China in 15 Regionen auf, würde jede davon auch nur noch 2 Prozent emittieren. Genau wie wir! Nach einer solchen Landesteilung könnten dann alle Staaten sagen, ihr Anteil sei zu klein, und sich dabei im Recht fühlen. Die globalen Emissionen hätten sich dabei kein bisschen verändert. Da sind sie wieder, die Gedanken an die Schildbürger…«
Sven Plöger: Zieht Euch warm an, es wird noch heißer. 2023, S.80


Samstag, 19. Juli 2025

Gewinnkomödie


»Sagt der Bäcker zur Bäckerin: ‚Dieser Monat war besonders gut, unser Umsatz ist um 16 Prozent gestiegen.‘ Die Bäckerin stutzt, schaut in die Bücher. ‚He Bäcker, geht's noch?‘ fragt sie ihren Mann, ‚Du hast ja die Reparaturkosten für den Lieferwagen auch mit gezählt. Und die Rechnung für diese ärgerliche Software-Havarie. Mann, das hat uns doch alles nur geschadet - lerne endlich mal, wie man eine seriöse Gewinn- und Verlustrechnung macht!‘  Der Bäcker reagiert beleidigt. ‚Aber ich mach's doch haargenau wie beim Bruttoinlandsprodukt, ich zähl alles zusammen. In diesem Monat ist es eben mehr, also geht's uns besser.‘«

Text: Heiner Müller-Ermann (Bund Naturschutz in Bayern)  Bild: Ralph auf pixabay


Samstag, 12. Juli 2025

Zeitverdriftungen